Der Kümmerer

Das war ein besonderer Gottesdienst, ein besonderer Predigttext – Markus 1,32-39 -, ein besonderer Zeitpunkt – einen Tag vor Beginn der Chemo – und eine besondere Gemeinde. Besonders auch, dass Daniel Birkner, Kollege und Freund, die Liturgie übernahm. Aber ebenfalls, und das fehlte mir, dass ich wegen der Infektionsgefahr auf die Verabschiedung am Ausgang verzichten musste.

Begrüßung

Herzlich willkommen, liebe Gemeinde, zu diesem Gottesdienst am 19. Sonntag nach Trinitatis. Es ist ein besonderer Gottesdienst. Denn das Leitmotiv ist ein Vers aus dem Propheten Jeremia: „Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen; denn du bist mein Ruhm.“

Morgen beginnt meine Chemotherapie. Heil werden, gesund werden, das gehört zu meinen größeren Wünschen. Und ich gehe davon aus, dass ich damit nicht alleine bin. In der einen oder anderen Weise tragen wir ihn alle in uns. Aber wir machen auch die Erfahrung: So einfach ist er nicht zu verwirklichen. Auch nicht für Menschen, die auf Gott vertrauen wie der Prophet selbst. Was kann das also bedeuten, auf dem Hintergrund dessen, dass von Jesus gesagt wird: „Jesus zog durch ganz Galiläa. Er heilte alle Krankheiten und vertrieb die Dämonen“?

Bis diese Vision Wirklichkeit wird, müssen wir mit unseren Grenzen leben. Und es ist gut, wenn wir Menschen haben, die wir um Unterstützung bitten können. Ich werde diesen Gottesdienst deshalb auch gemeinsam mit Pastor Daniel Birkner halten – vielen Dank, Daniel, dass Du die Liturgie übernommen hast. Und nach dem Gottesdienst werde ich, wegen einer möglichen Infektionsgefahr, ausnahmsweise nicht an der Tür stehen, um alle zu verabschieden. Ich bitte dafür um Verständnis.

Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen Gottes – des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Predigt

Liebe Gemeinde!

Es gibt Menschen, die einfach gut tun. Es gibt Menschen, bei denen man gerne stehen bleibt, wenn man über den Tibarg geht. Menschen, mit denen man lange zusammen sein möchte und bei denen man ein gutes Gefühl hat, wenn man sich von ihnen verabschiedet. Und man kann sich fragen, was diese Menschen anders und besser machen als andere.

Es gibt Menschen, die beliebt sind, weil sie gut reden können. Weil sie freundlich sind oder einfach gut drauf. Weil sie Macht haben oder Geld oder beides. Weil sie gut aussehen oder ein untrügliches Gespür für die neuesten Trends. All das macht Menschen anziehend. Aber tun sie einem auch wirklich gut? Also so wirklich rundum gut?

Jesus muss ein solcher Mensch gewesen sein. Wenn wir denen glauben, die über ihn berichtet haben. Was also konnte er, was andere nicht konnten? Markus zum Beispiel schreibt: „Die ganze Stadt war vor seiner Haustür versammelt. Die Menschen litten an den unterschiedlichsten Krankheiten. Jesus heilte sie alle und vertrieb viele Dämonen. Er verkündete die Gute Nachricht an vielen Orten.“

Kein Wunder. Ein Mensch, der Wunder tut, der alle Krankheiten heilen kann, dürfte ziemlich beliebt sein. Aber gleichzeitig auch sehr fremd. Denn wenn er wirklich alle Krankheiten heilen kann, dann kann ich ihn bewundern oder verehren, aber er ist mir nicht sehr nahe. Und ich würde ihn fragen, warum er dann so viele Ausnahmen macht, damals wie heute. Oder kann er es vielleicht doch nicht: alle Menschen heilen?

Schon ein Vergleich der Bibeln zeigt uns, dass durchaus nicht alle Übersetzer von allen Krankheiten sprechen. Bei Luther heißt es zum Beispiel: „Und er heilte viele, die an mancherlei Krankheiten litten.“ Und es ist eine Frage des persönlichen Glaubens, ob wir sagen: Er wollte nicht alle heilen oder er konnte nicht. In jedem Fall aber tat er es nicht und tut es auch heute nicht.

Wobei – was meinte Markus eigentlich, als er vom Heilen schrieb? Er benutzte das Wort „therapeuein“. Und das wurde damals nicht nur mit Gesundheit in Verbindung gebracht, sondern auch mit „Kinder versorgen“ oder „Land bebauen“ oder „die Eltern ehrfurchtsvoll behandeln“ oder auch „die Götter verehren“. Also eigentlich alles, worum man sich kümmert. Wenn Jesus geheilt hat, dann hat er womöglich nicht einfach die Krankheit weg gemacht. Dann hat er sich erst einmal gekümmert.

Er war also in erster Linie ein Kümmerer, und denen geht es nicht vor allem um sich selbst, sondern wirklich um die Sorgen und Nöte der Menschen. Sie hören zu, sie machen Mut und tun, was sie tun können. Und schon dadurch setzen sie manchmal Kräfte frei, die über ihr eigenes Wirken hinausgehen. Sie sind Therapeuten an einzelnen Menschen und an der Gesellschaft.

Manchmal gewinnen Kümmerer Wahlen wie jüngst in Niedersachsen, manchmal dankt es ihnen keiner. Sie sind starke Menschen, die sich nicht nur um sich selbst drehen. Und doch gilt auch: Wer sich um andere sorgt, muss sich eben auch um sich selbst sorgen. So wie Jesus es getan hat.

In der Morgenröte, heißt es in der Bibel, ist Jesus allein. Es gibt nicht nur Menschen, sondern auch Zeiten und Orte, die besonders sind und uns manchmal besonders gut tun. Zum Beispiel die Zeit, wenn der Tag anbricht. Früher hatte ich überhaupt keinen Sinn dafür. Ich wollte dann schlafen, und das war auch ok. Aber gerade in den letzten Wochen habe ich öfter ihren Zauber erlebt. Manche Lehrer der Meditation beschrieben diesen Moment als einen, an dem man die Ewigkeit berühren kann. Da ist etwas dran.

Und es gibt Orte, die uns helfen, zu uns selbst zu kommen. Das kann eine Kirche sein – diese Kirche vielleicht. Oder ein Platz in der eigenen Wohnung, ein bestimmter Baum im Gehege. Manchmal muss ich danach suchen, manchmal muss ich nur aufmerksam sein, um ihn zu finden.

Wie auch immer – wir brauchen diese Orte und Zeiten, in denen wir neue Kräfte in uns entdecken und wecken. In denen wir zu uns selbst kommen, zu unserer Mitte, zu Gott. Angelus Silesius hat es einmal so beschrieben: „Gott ist in mir das Feuer und ich in ihm der Schein; sind wir einander nicht ganz inniglich gemein?“

Ich finde dieses Feuer und diese Inspiration aber nicht nur in der Stille, sondern besonders auch, wenn ich mit anderen Menschen zusammen bin. Und diese Menschen – manchmal sind sie einfach da, manchmal müssen wir nach ihnen fragen – wie die Jünger auch hinter Jesus hergelaufen sind. Besonders dann, wenn wir leer sind und kraftlos und uns nicht mehr helfen können.

Jeder Mensch braucht eben nicht nur einen Ort, eine Zeit, sondern auch andere Menschen, wo er heil wird. Gut, wenn wir sie haben, hier oder anderswo, in unserer Familie, unter den Freunden, im Stadtteil, in unserem Land. Denn wir sind ja aufeinander angewiesen.

Das lernen wir schon von der Biologie. Biologisch betrachtet ist eine Pflanze, ein Tier oder ein Mensch nichts anderes als eine Lebensform, „aus vielen Zellen zusammengesetzt, die miteinander in einer besonderen, voneinander abhängigen Beziehung stehen.“ Aus dem gleichen Grund, sagt der Neurobiologe Gerald Hüther, könne man einen Schwarm Fische als Lebewesen bezeichnen – oder, wie ich meine, auch eine Gemeinde, einen Stadtteil.

Wir kennen dieses Bild, von Paulus. Die Gemeinde, sagt er, ist wie ein Körper. Alle Glieder sind voneinander abhängig. Jedes hat eine ganz bestimmte Aufgabe. Ja, jede kleinste Zelle ist unglaublich wichtig. Das merkt man besonders dann, wenn so eine einmal außer Kontrolle gerät. Und das passiert manchmal schneller, als man denkt.

Deshalb ist es wichtig, dass wir gut auf uns aufpassen – aber auch aufeinander. Dass wir uns kümmern. Und dieser Gedanke ist keineswegs neu – es gibt dafür schon einen englischen Begriff: Caring Community. Unser Kirchengemeinderat hat letztens beschlossen, genau daran mitzuarbeiten und zu gestalten: An einer Gemeinschaft im Stadtteil, die sich kümmert. Wir sind nicht alleine.

Nicht nur dass uns viele Menschen mit der gleichen Intention begleiten. Auch Jesus geht mit. Also – nicht wirklich. Denn zwischen uns und ihm liegen ja sein Tod, seine Auferstehung, seine Himmelfahrt. Aber in unserer Vorstellung. Oder auch: in unserem Glauben.

Markus schreibt: „Jesus zog durch ganz Galiläa. Er verkündete die Gute Nachricht in den Synagogen und er vertrieb die Dämonen.“ In unserer Vorstellung können wir uns in seine Zeit hineinversetzen. Glauben ist aber etwas anders. Glauben heißt: Jesus geht heute mit uns – oder wir mit ihm. Wir ziehen gemeinsam durch Niendorf, Hamburg, Barsinghausen oder wo auch immer in der Welt. Und wir hören die Gute Nachricht und lassen uns von ihr erfüllen: von der Liebe und dem Vertrauen und dem Segen Gottes in unserem Leben, für unser Leben. Und wir vertreiben die Dämonen, die uns quälen – Angst und Selbstzweifel, Sorgen und Ärgernisse.

Es gibt Menschen, die einfach gut tun. Wir sind es und wir können es sein. Wir sind es gemeinsam und wir tun es gemeinsam, denn alleine kommen wir oft nicht weiter. Und wir gehören zu einer Gemeinschaft, der Gemeinde, die zu Jesus gehört. Das trägt, weil er uns trägt.

Amen.

Und auch die Lieder waren diesmal z.T. sehr emotional:
EG 366, 1-2.5-7 Wenn wir in höchsten Nöten sein
EG 320, 1-4.7-8 Nun lasst uns Gott, den Herren, Dank sagen
NLB 209 Da wohnt ein Sehnen
NLB 257 Eines Tages kam einer
EG 383 Herr, du hast mich angerührt
(EG: Evangelisches Gesangbuch; NLB: Das Liederbuch Zwischen Himmel und Erde)

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