Die drei Naturen des Menschen

Dass – mindestens – „zwei Seelen, ach, in meiner Brust“ wohnen, das wusste auch Goethe (Faust I). Sigmund Freud identifizierte in unserer Psyche das Es und das Über-Ich, die durch das Ich mühsam ausbalanciert werden müssen. Und Peter L. Berger wies uns darauf hin, dass wir auf unterschiedlichen Ebenen der Wahrnehmung z.B. ein und dasselbe Bild von seiner emotionalen, kunsthistorischen oder ökonomischen Seite her ganz unterschiedlich beurteilen. Wir sind also komplizierte Wesen und manchmal ganz schön widersprüchlich.

Nun kommen Mediziner und Biologen und meinen: Die Evolution hat ebenfalls ihre Spuren hinterlassen. Deshalb haben wir nicht nur eine, sondern vielmehr drei Naturen. Zunächst begegnete mir die Theorie in einem Film, den mir Dr. Prochnow im UKE empfohlen hatte: Das Geheimnis der Heilung. Darin stellen die Autoren eine Theorie auf:

(Das ganze Video hier.)

Bisher hätte die Schulmedizin vor allem auf der obersten Ebene gearbeitet. Aber jetzt entdeckt auch sie, dass das zu kurz gesprungen ist. Es gibt eine Ebene darunter, und nicht zufällig zeigt das Video eine Kapelle: Die religiöse Dimension wird wichtig, Gemeinschaft und Spiritualität. Und noch tiefer, uralte Rituale kommen zum Vorschein. All das, was Wissenschaft lange als buchstäblich vorsintflutlich abgetan hat.

Und jetzt las ich „Das Tagebuch der Menschheit“ von Carel van Schaik und Kai Michel – danke, Daniel, für dieses wunderbare Geschenk. Ein Evolutionsbiologe und ein Historiker, beides bekennende Agnostiker, erkunden die Bibel. Und auch sie gehen von den drei Naturen des Menschen aus: „Die erste Natur“, schreiben sie, „sind unsere angeborenen Gefühle, Reaktionen und Vorlieben. Sie haben sich über die Jahrhunderttausende hinweg entwickelt“ und sind uns heute praktisch angeboren. Die zweite Natur ist das, was wir als Kultur oder Habitus bezeichnen: Das, was man in einer Gesellschaft tut oder eben nicht macht. Das ist von Region zu Region unterschiedlich, weil anerzogen. „Die dritte Natur nennen wir unsere Vernunftnatur … Beispiele dafür sind jene Dinge, die wir nur widerstrebend tun, obwohl wir wissen, dass sie gut für uns oder zumindest vernünftig wären.“ Wie die guten Vorsätze zu Neujahr. Und weil ausgerechnet die erste Natur die wirkungsvollste und die dritte die schwächste ist, misslingt uns die Umsetzung auch immer wieder. Carel van Schaik und Kai Michel gewinnen mit diesem Ansatz einen neuen interessanten Blick auf Bibel und Religion.

Für mich ist er nicht nur ein spannendes Denkmodell. Er zeigt mir neue Wege im Gespräch zwischen Wissenschaft und Religion. Vor allem aber auch neue Möglichkeiten, gemeinsam mit der Schulmedizin Wege der Heilung zu beschreiten.

Ich bleibe dran.

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