O Heiland, reiß die Himmel auf

Predigt von Maren Gottsmann, Bildmeditation zu Beate Heinen „O Heiland, reiß die Himmel auf“ (Weihnachten 2015).

maren-gottsmannIch habe Ihnen heute für diese Nacht, diese Weihnacht ein Bild mitgebracht – sie haben es am Eingang erhalten.
Und ich möchte Ihnen einen kleinen Augenblick Zeit geben, dieses Bild zu betrachten –
Was löst dieses Bild in Ihnen aus? Weckt dieses Bild eine Erinnerung?
Was finden Sie von dem Weihnachtsevangelium in diesem Bild wieder?
Fragen???

Ein Riss, ein Spalt öffnet sich – und dadurch fällt Licht auf die kleine Szene: Die Mutter, das Kind, der Mann. Nur sie scharf und klar gezeichnet. Nur Sie herausgehoben aus der dunklen Masse derer, die völlig unverbunden nebeneinnader in die gleiche Richtung zu streben scheinen.

Oder ist es auch so: Nur dieser drei werden durch den erleuchteten Spalt als kleine Gruppe aufeinander verwiesen und finden sich dicht zusammengeschmiegt?

Ein Riss, ein Spalt öffnet sich – und Licht strahlt auf.
Wie oft erscheint es umgekehrt – ein Riss, ein Spalt öffnet sich –  und ein dunkler Abgrund tut sich auf.

Die Künstlerin Beate Heinen hat es jedoch genau andersherum  gemalt-
Durch den Riss wird etwas ans Licht gebracht, etwas, was vorher vielleicht  irgendwie schon da war – aber eben nicht im Blick.

Mich hat dieser Gedanke sehr getroffen.
Er entspricht dem, was ich in diesem Jahr in unserer Gemeinde erlebt habe
Ein Riss geht durch ein leben, geht durch die Welt und lässt sich nicht mehr schließen. Und eigentlich müsste alles einstürzen und untergehen – und es stürzt ja auch ein und es geht alles unter. Doch dahinter können sich dennoch Orte und Zeiten finden , in denen bricht etwas auf, das hell ist.

In besonderer Weise ist dies für mich in  Begegnungen mit  Menschen geschehen, die in diesem Jahr als Flüchtlinge auch zu uns nach Niendorf gelangten. Aber nicht nur dort.

Stellvertretend für viele Erfahrungen kommen drei von ihnen zu Wort:

Paul:
Ein Riss – und dahinter Licht. So lebe ich heute.

Über sieben Jahre ist es jetzt her, dass meine Frau an Krebs starb. Ich vermisse sie. Sie war mein Herzschlag. Mit diesem Leben ohne sie ringe ich jeden Tag neu. An manchen Tagen möchte ich ihr einfach nur folgen um wieder bei ihr zu sein.  Und doch ist so vieles geschehen seit dem.

Ich sehe alles um mich herum mit anderen Augen, ich nehme anders war.
Ich bin sensibler geworden. Auch wacher. Ich sehe schärfer, empfinde alles intensiver. Dafür bin ich dankbar.
Und ich bin aufmerksam für das Glück, das mir widerfährt.

Ein besonders Licht über dem Bayernsee, eine Sonnenblume unter dem Vogelhäuschen, die zwischen den Terrassensteinen riesengroß empor wächst, die stürmische Begrüßung meines Patenhundes Otto, eine Musik, die mich tröstet, ein berührender Text, eine Begegnung die mir gut tut, der Hase, der vor mir über den Weg auf dem alten Friedhof läuft, als hätte er auf mich gewartet und das große Geschenk, zu  fotographieren,

Für mich ist nichts mehr selbstverständlich.

Marianne:
Ich möchte von Frau C. erzählen. Frau C. ist Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit.
Sie sagt: Durch die Begegnung mit den Flüchtlingen sehe ich mein Leben in einem völlig neuen Licht. Ich habe vorher nie gewusst, was es bedeutet, dass ich in diesem Land leben darf.

Ich habe es  immer für selbstverständlich genommen: Schule, Busse, Krankenhäuser – und dass ich über die Straßen gehen kann ohne Angst. Dass ich gegen alle und alles  sein kann und sogar gegen  Regierung und Behörde protestieren darf. Ich habe es als selbstverständlich genommen, dass die Polizei dafür da ist, dass sie mich schützt. Ich habe den Frieden für selbstverständlich genommen. Und nun kommen Menschen zu uns, die leben unter uns unter Umständen, für die ich mich schäme, sie tragen unsere abgelegte Kleidung und warten und warten auf Termine bei Behörden und schlafen mit 350 weiteren Personen in einer Tennishalle auf Luftmatratzen. Und ihre Zukunft ist vielleicht nur für ein paar Monate rechtlich abgesichert Und sie sehen sich hier um und schauen mich an und sagen: das ist das Paradies.

Rolf:
Ein Riss geht durch Hamburg, durch die Welt, ein Riss in Beziehungen zwischen Mann und Frau, zwischen sogenannten anständigen BürgerInnen und Frauen, die anschaffen: Prostitutierte nennen wir sie.

Ich besuche sie in Hamburg seit über dreißig Jahren als Mitglied der Teestube Sarah an ihren Standplätzen auf der Straße. Unsere Geschenke sind heißer Kakao, unbegrenzt Süßigkeiten und Zeit für ein Gespräch. Im Lichte von Weihnachten würde ich sagen, dass ich wie die Hirten des Nachts zu Ihnen eile, immer wieder gerufen. Ich finde dort kein Kind in der Krippe vor, aber Menschen, die sich genauso in prekären Lebenslagen befinden, auf der Suche nach mehr, ausgebeutet von Zuhältern und verachtet von vielen ihrer Kunden und uns angeblich Anständigen.

Nicole ist eine dieser Frauen. Wenn sie zur Begrüßung sagt, ihr ginge es gut, läuten bei mir alle Alarmglocken, denn meist folgt danach eine Geschichte voller Abgründe. Etwa: „Ich bin heute glücklich, weil mein neuer Zuhälter mich vor dem Terror meines alten beschützt.“ Auf Nachfragen erzählt die, dass der alte sie, ihre Mutter und ihre jüngere Schwester mit übelsten Methoden bis an den Rand des Wahnsinns gebracht hat, weil sie aussteigen wollte. Mit der Zeit läuft es mit dem neuen auch nicht mehr so gut. Sie bewirbt sich in ihrer alten Heimatstadt mit Erfolg auf ihre alte Stelle. Ein Sechser im Lotto. Doch zwei Wochen später steht sie immer noch da: sie hat abgesagt, ihr Zuhälter hätte versprochen, sich zu bessern.

Nicole schaut mich an: „Ich bin ganz schön bescheuert, was?“ Nein, das ist sie nicht. Aus langer Erfahrung weiß ich, welchen Sog das Milieu ausübt, welche Ängste es ja auch mir bereitet, neue Wege einzuschlagen, welch lange und mühsame innere Arbeit, alte Verhaltensmuster abzulegen und neue zu wagen.“ „Nein“, sage ich zu ihr, „es ist wohl noch nicht dran für Dich. Dein neuer Weg ist noch nicht geboren.“

Ich glaube, meine Begegnungen mit Nicole öffnen einen Spalt im Himmel.

Nicole weiß, dass ich ein wenig stellvertretend ausharre für ihren Schritt in eine neue Selbständigkeit, ohne dass wir das direkt ansprechen.

Ich weiß nicht, ob Nicole bewusst ist, wieviel es mir bedeutet, dass sie mich jedes Mal voller Freude und ohne Scham erwartet, dass sie mich willkommen heißt, so wie ich bin. Ich muss nichts leisten, nur kommen und für ein paar Minuten da sein.

Maren

Risse gehen durch unser Leben – und viele Risse gehen durch unsere Welt.

In diesem Jahr, da habe ich gedacht, ich bekomme es nicht mehr zusammen – Weihnachten und das, was ich als so große, trennende und schmerzhafte Risse wahrnahm. Wie kann das wieder heilen?

Und dann höre ich auf eure Geschichten und schaue auf dieses Bild.
Ich kenne es seit vielen Jahren.
Bisher hatte ich es so verstanden, dass Licht auf die im Dunkeln fällt-
Doch es ist umgekehrt:  der Riss ist es, der dieses Licht erst ermöglicht.

Vor einem Jahr bin ich davon ausgegangen, dass wir 300 Flüchtlinge in unserem Stadtteil aufnehmen werden – ich war voller Zweifel: wie ihnen begegnen, wie ihnen gut tun? Wie gelingt das mit uns in Niendorf.

Heute, ein Jahr später, gehe ich davon aus, dass bald 3000 Flüchtlinge Unterkunft bekommen werden. Und ich bin weniger beunruhigt als vor einem Jahr. Weil ich erfahren durfte, wieviel Gutes und ermutigendes durch die neuen Mitbürgerinnen und Mitbürger zu uns kommt. Und weil ich erlebe, wieviel Menschen guten Willens in diesem Stadtteil wirken. Natürlich gibt es Herausforderungen und vieles, was zu bewältigen sein wird. Aber es wird möglich sein und allen zu Gute kommen können.

Davon erzählt Weihnachten.

Die Geburt unter diesen erbärmlichen Umständen war für alle beteiligten ein Unglück – die Umstände der Schwangerschaft, die weite Reise zu Fuß in ein Land, das einem fremd ist, und dann die Geburt unter Schafhirten in einem Viehstall. Unter diesen Bedingungen war nichts wirklich Gutes zu erwarten. Und gerade dort erfahrbar.

Risse gehen durch ein Leben, Risse gehen durch unsere Welt – und es wird heller. Auf unglaubliche, mag sein auch erschreckende Weise wird es heller.

So Ich nehme diese Weihnacht als ein großes Geschenk.
Sie nimmt mir die Angst vor dem, was noch reißen und brechen wird.
Sie erinnert mich daran: Gerade dort kann geschehen, was uns zu Gute kommen wird. Mache dich auf und werde Licht, denn dein Licht kommt.

Jedes Jahr wieder , wenn ich an dieser Stelle der Weihnachtspredigt steckte, dann denke ich, es gibt zwei große Ebenen in diesem Fest, das eine ist die Fröhlichkeit, das Miteinander, die Unbeschwertheit –Jingle Bells und I´m dreaming of a white christmas.

Dort und so diesen Tag zu feiern – das hat seinen Reiz und seinen Wert und seine ganz eigene Freude.

Und dann gibt es eine andere Ebene. Die erreicht die, die in ihrem leben von etwas getroffen und erschüttert wurde – oder, wie es in der Sprach der Bibel heißt: das Volk, dass im Dunkeln ist und die, die in der Finsternis wohnen

Und dann sehe ich Diwa vor mir, der so unbeirrt Deutsch lernt, obwohl er als Afghane politisch in unserem Land nicht mehr erwünscht ist und für den durch Krieg und Flucht alle bisherigen  Kategorien ihre  Bedeutung verloren haben – weil es allein darauf ankommt, wie ein Mensch sich verhält und handeln. „You can just respect yourself if you respect others, you can just love yourself, if you love others and the other way around of course“. Darauf kommt es ihm an. Nur darauf.

Und ich nehme mit aus dieser Nacht:
Was für eine große Kostbarkeit unseres Glaubens:
Gott begegnet mir auch in dem, was mit fremd erscheint – was mich beunruhigt – was mich vielleicht auch aus gewohnten bahnen wirft.
Das Gott gerade dort Gutes vorhat.

Und so dürfen wir auch diese Weihnacht als eine gesegnete Weihnacht glauben und uns in diesem Segen leuchtend. Dass wir uns aufmachen und licht werden, denn

Wenn der Gesang der Engel verstummt ist
Wenn der Stern am Himmel untergegangen ist
Wenn die Hirten mit der Herde heimgekehrt sind. Dann erst beginnt das Werk von Weihnacht:
Die Verlorenen finden.
Die Zerbrochenen heilen
Den Hungrigen zu essen geben.
Die Gefangenen freilassen
Die Völker aufrichten.
Den Menschen Frieden bringen.
In den Herzen musizieren.
AMEN

Das Beitragsbild stammt von der Fotodatenbank Torange.biz: https://de.torange.biz/1112.html
Die Rechte für das Bild von Beate Heinen liegen beim Maria-Laach-Verlag. Sie können es hier anschauen.

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