Leider auserwählt

Eine Predigt zum Dankgottesdienst am 23. Juli 2017, dem 6. Sonntag nach Trinitatis, zur Verabschiedung aus dem Gemeindepfarramt und Einführung in die neue Stadtteilpfarrstelle
Text: 5. Mose 7, 1-11

Liebe Gemeinde!

Vor einer Woche war ich auf einem Familienfest und traf dort nach vielen Jahren die Cousine meines Vaters und ihren Mann wieder. Und sie erzählten mir ihre gemeinsame Geschichte. Wie er als Kind aus Schlesien fliehen musste und auf verschlungenen Wegen nach Bielefeld kam. Und wie er dort von einem Mädchen hörte, das aus Steinfeld bei Süderbrarup kam – das liegt rechts oben in Schleswig-Holstein. Und wie sie dazu kamen, dass sie sich einmal verabreden wollten und sich auf dem Hamburger Hauptbahnhof trafen, Bahnsteig 1, und als sie sich zum ersten Mal sahen, da wussten beide: Das ist meine Auserwählte, mein Auserwählter. Und weil sie beide fromme Menschen sind, erzählten sie mir mit leuchtenden Augen: Hat Gott uns nicht wunderbar geführt?

Die beiden sind jetzt über 80, und wie sie da so saßen, immer noch zusammen glücklich, da war es für mich völlig plausibel: Gott hat seine Finger mit im Spiel gehabt. Gott hat sie auserwählt. Und ihre Geschichte hätte in der Bibel stehen können, denn dort lesen wir auch so manche Geschichte von Menschen, von denen man im Nachhinein sagen kann: Gott hat sie geführt. So wie es zum Beispiel im 5. Buch Mose geschildert wird. Das Volk Israel ist aus der Knechtschaft in Ägypten geflohen, 40 Jahre durch die Wüste gelaufen und steht nun vor dem fruchtbaren Land Kanaan. Und da sagt Mose zum Volk:

Mose.jpg„Wenn dich der HERR, dein Gott, ins Land bringt, in das du kommen wirst, es einzunehmen, und er ausrottet viele Völker vor dir her, die Hetiter, Girgaschiter, Amoriter, Kanaaniter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter, sieben Völker, die größer und stärker sind als du, so sollt ihr ihre Altäre einreißen und ihre Götzenbilder mit Feuer verbrennen und den Bann vollstrecken – das heißt: sie alle töten. Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht weil ihr größer wäret als alle Völker, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der HERR euch herausgeführt aus Ägypten. So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.“

„Ihr seid auserwählt, ihr seid mein Volk“ – das klingt schon beeindruckend, wenn es der Allmächtige sagt. Und nicht weniger beeindruckend sind seine Versprechungen: So wie ich dich aus der Gefangenschaft geführt habe, will ich alle deine Feinde vernichten.

Wenn wir diese Aussagen aber mit der Realität abgleichen, hört sich das Ganze schon gar nicht mehr so toll an. Zunächst einmal, sagen die Historiker, ist der Text mit hoher Wahrscheinlichkeit erst Jahrhunderte nach der Eroberung des Landes geschrieben worden. Die angesprochenen Völker gab es längst nicht mehr. Und mit ihrer Vernichtung hatten die Israeliten wohl auch nicht viel zu tun.

Dazu waren die Israeliten oder Juden, wie sie später genannt wurden, auch ein viel zu kleines Volk, meistens unterdrückt, arm, und nicht selten brutal verfolgt – erst von Babyloniern und Römern, dann von Spaniern und Deutschen und anderen. Auf dem Hintergrund der Pogrome in Russland Anfang des 20.Jahrhunderts spielt das Musical „Anatevka“, in dem Tewje der Milchmann zu Gott klagt: „Ich weiß, ich weiß. Wir sind Dein auserwähltes Volk. Aber kannst Du Dir nicht ab und zu ein anderes aussuchen?“

Von Gott auserwählt zu werden ist offenbar eine heikle Angelegenheit. Davon können die Propheten, ja eigentlich alle Juden und der Gottessohn selbst ein Lied singen. Verfolgung und Mühe und Ablehnung bis zum Tod gehörten immer dazu.

Unter diesen Umständen möchte ich nicht gerne auserwählt sein, zumindest nicht von Gott. Ich hätte es persönlich da doch gerne ein wenig einfacher und langweiliger. Aber ich fürchte, ich habe keine Wahl. Jesus und die Propheten haben auch hinhaltenden Widerstand geleistet, letztlich ohne Erfolg. Und ich fürchte, auch mich hat es erwischt: Ich bin erwählt.

Zwar bin ich kein Jude. Aber ich bin getauft. Und das heißt: Ich lebe nun im Bereich Gottes. Und selbst wenn ich nicht getauft wäre, so glaube ich, dass ich Gott nicht entfliehen könnte. Denn Gott, das ist für mich das Leben, sein Ursprung und sein Ziel.

Das Leben schenkt mir Freude und Leid, in der letzten Zeit von beiden mehr als reichlich. Das Leben stellt mir aber auch Aufgaben – in unserem Text wird es genannt: Die Gebote Gottes zu halten. Jesus fasst diese Gebote zusammen in dem einen: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Schon zum ersten Auserwählten, zu Abraham, sagt Gott auch: Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein.

Das hört sich großartig an und ist es auch – gerät im Alltag aber immer wieder unter die Räder. Manchmal sind wir einfach nicht in der Lage, für andere da zu sein. Dann müssen wir erst einmal an uns selbst denken.

Nur so kann ich auch die Grausamkeiten, die sich in unserem Bibeltext finden, überhaupt akzeptieren. Es war eine harte Welt damals, in der galt: die oder wir. Wer die Oase nicht besetzen konnte, musste sterben. Wer Schwäche zeigte, ging unter. Für Israel ging es ums Überleben. Es musste erst einmal an sich selbst denken.

Das gilt für uns heute so nicht mehr. Wir leben in Sicherheit, haben auch viel mehr Möglichkeiten als die Menschen damals, Gutes zu tun. Füreinander da zu sein. Und wir tun es auch, hier in Niendorf, unübersehbar. Wir sehen um uns herum lauter Menschen, die sich für das soziale Klima im Stadtteil engagieren, für Nachbarn und Flüchtlinge, für Schüler und Senioren, für Bäume und für Tiere. Ja, es sind viele Engel unterwegs, in der Kirche und weit darüber hinaus.

Deshalb betrachte ich es ja auch als Privileg, dass ich im Februar 91 auserwählt wurde, in dieser Gemeinde Pastor zu sein. Nicht dass wir es immer leicht miteinander hatten. Aber im Rückblick kann ich – wie meine Verwandten auf dem Familienfest vor einer Woche – sagen: Gott hat es gut mit mir gemeint, und die Niendorferinnen und Niendorfer auch. Viele Hindernisse wurden auf wunderbare Weise zur Seite geräumt, und viele Türen geöffnet. Im Ganzen würde ich schon bekennen: Gott, das hast du gut gemacht. Bis jetzt.

Das würde ich auch gerne in 20 Jahren noch so sagen können. Leider aber hat die Vergangenheit auch gezeigt, dass die Zukunft sehr unsicher ist. Wir wissen nicht, wie es wird. Aber wir hoffen. Und wir glauben. Auch wenn uns dieser Glaube manchmal ins Rutschen kommt, so gibt es doch immer wieder Menschen, die halten und aufrichten.

So habe ich Gemeinde erlebt, und so erlebe ich sie. Und so stelle ich mir Erwählung vor: gesegnet sein und zum Segen werden. Und deshalb behaupte ich: Niendorf ist eine erwählte Gemeinde. Wobei die Erwählung nicht an den Gemeindegrenzen Halt macht. Die Taufe mag für uns Christinnen und Christen ein Zeichen für unsere Erwählung sein, und wir tun gut daran, uns immer mal wieder daran zu erinnern. Aber wenn es darauf ankommt, hält sich Gott nicht an diese Kleinigkeiten. Dann nimmt er sich seine Erwählten aus allen Schichten, Konfessionen und Religionen und auch von denen, die gar nicht an ihn glauben.

Wir wissen nicht, was auf uns noch zukommt. Und sowohl die Erfahrung als auch das Zeugnis der Bibel zeigen: Das wird nicht nur Jahrmarkt im Himmel. Aber was auch immer kommt, wir sind Gesegnete, und wir werden zum Segen. Mit der Hilfe Gottes.

Amen.

Das Bild zeigt „Moses“ von Michelangelo. Die Statue steht in der Kirche San Pietro in Vinculi in Rom.

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