Charisma und Gnadengaben

Eine Predigt zum ökumenischen Open-Air-Gottesdienst Pfingstmontag 16. Mai 2016, gemeinsam gehalten mit Pastor Eberhard Müller (Freie evangelische Gemeinde am Bondenwald)
Text: 1. Kor. 12, 4-11

20140609_114126.jpgDie Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.
Erik Thiesen (ET): Liebe Gemeinde, Willy Brandt hatte es.
Eberhard Müller (EM): Mahatma Gandhi mit Sicherheit.
ET: Anuthida hat es auch.
EM: Wer ist Anuthida?
ET: Anuthida machte mal bei „Germanys next Topmodel“ mit. Der Juror Thomas Hayo hatte es über sie gesagt.
EM: Ach so. Ja, und Hitler hatte es auch, leider.
ET: Dafür auch Jesus. Unbedingt.
EM: Und jetzt werden Sie sich fragen, was Brandt und Gandhi, Anuthida, Hitler und Jesus gemeinsam hatten?
ET: Sie hatten Charisma. Charismatische Menschen, sagt man, haben irgendwie eine Ausstrahlung. Sie faszinieren. Sie sind anders als man selbst, so, wie man selbst gern sein würde. Wahrscheinlich halten deswegen die einen zum Beispiel Anuthida für charismatisch und die anderen eher nicht.
EM: Da ich weniger mit GNTM (Germany’s Next Topmodel) zu tun habe als vielmehr mit der Bibel, habe ich die Charismen bisher eben dort gesucht und gefunden. „Charisma“ kommt dort nämlich auch vor und heißt „Gnadengabe“. In Korinth merkten die Christen plötzlich, als sie zum Glauben kamen, dass sie Dinge tun konnten, die sie vorher nicht tun konnten. Paulus erklärt ihnen in den Versen vor unserem Text: Das hat etwas mit dem Heiligen Geist zu tun, den jeder Christ verliehen bekommt, wenn er in die Hand Jesu einschlägt.
In Korinth waren es u.a. auch Geistes-Gaben, die wir vielleicht als „wundersame“ Gaben bezeichnen würden: Sprachenrede, Heilungsgaben u.ä.. Das hat die oft einfach gestrickten Korinther so sehr umgehauen, dass sie sich etwas drauf eingebildet haben. Daher macht Paulus ihnen klar, dass diese Gaben nichts zum Angeben sein sollen. Er nennt sie daher „Gnadengaben“ – statt „Geistes-Gaben“, wie die Korinther. Es ist eine Gnade, ein schönes Geschenk Gottes – damit die Gemeinde als Ganze dadurch vorankommt, nicht damit der Einzelne damit angibt.
In anderen Gemeinden der damaligen Zeit gab es andere Gaben, die aufgezählt werden – etwa in Ephesus waren es mehr seelsorgerliche Gaben und Leitungsgaben.
ET: Das müssen aufregende Zeiten gewesen sein. Obwohl – wenn ich mir die einzelnen Gnadengaben so anschaue, dann entdecke ich unter uns auch eine ganze Menge davon. Für die Heilungsgabe haben wir gleich ein ganzes Krankenhaus gebaut, um Seelsorge und Leitung bemühen wir uns auch nach Kräften. Und wenn man unter Sprachenrede „unverständliches Sprechen“ versteht, wie es bei Wi-kipedia steht, dann kommt das durchaus auch in unseren Gottes-diensten vor.
Und darüber hinaus entwickeln wir die Fähigkeiten der jugendlichen Teamer, organisieren Flüchtlingsarbeit, machen tolle Musik und sind mit Senioren aktiv. All das, finde ich, hat mit Charismen zu tun. Charismen wären dann das Ergebnis aus natürlichen Fähigkeiten, Spaß und harter Arbeit.
EM: Und für mich hat das etwas mit Pfingsten zu tun. Gott meint es gut und schickt den Heiligen Geist. Daran können wir uns freuen – aber auch anderen Menschen in der Kraft und Ausrüstung des Geistes dienen.
Gnadengaben haben etwas mit Gottes schönem und gutem Plan für seine Gemeinde zu tun. Gnadengaben bedürfen aber durchaus auch der Ausbildung. Der Förderung. Ähnlich wie bei einem musikalischen Menschen. Das Üben bleibt ihm nicht erspart. Bei den geistlichen Gaben hat das Geschenk Gottes, das Einüben und der Einsatz ein Ziel: Paulus entfaltet nach dem gelesenen Text diesen Gedanken mit dem Bild vom Leib. Korinth war eine Stadt, die Schönheit mochte. Wer mal dort war, kann sich in Museen und in vielen noch erhaltenen Plätzen und Gebäuden davon überzeugen. Der Leib, der menschliche Körper spielt als Ausdruck von Schönheit eine große Rolle. Und diesen Gedanken gebraucht der Apostel, um klar zu machen, dass Gott es mit den Gnadengaben genau so meint: Wie ein Körper sich entfaltet, aufblüht, gesund agiert usw. – so ist es in einer Gemeinde, die die Gnadengaben zum allgemeinen Wohl einsetzt: Die Gemeinde soll erblühen und schön werden und schöne Dinge tun können, die zur Freude aller dienen.
ET: Eberhard, das finde ich auch. Zumal ja in „Charisma“ das griechische Wort für Schönheit und Anmut schon drinsteckt. Eigentlich müsste das also unsere Kernkompetenz sein. Aber wenn die Leute Schönheit und Anmut finden wollen, schalten sie doch eher GNTM ein. Oder gehen ins Museum. Oder ins Konzert zu Susan Tedeschi. Je nachdem, welche Stilrichtung sie pflegen. Kirche verbinden sie eher nicht mit Schönheit oder gar Anmut. Ausnahmen sind vielleicht gut gemachte katholische Messen und evangelische Kirchenmusik.
EM: Das ist doch schon mal ein Anfang. Die Bibel hat ein großes Thema: Freude. Jesus sagt mal: „Ich bin gekommen, damit eure Freude vollkommen sei!“ (Joh 15,11) Das hat auch viel mit Schönheit, Liebe, Gaben und anderen Geschenken und Eigenschaften Gottes zu tun. Alles dient zur Freude – und damit zum Aufbau der Kirche.
ET: Wie wäre es, wenn wir für den Anfang mal jeden Beschluss im KGR oder im Pfarrgemeinderat erst einmal darauf abklopfen, ob er die Gemeinde erblühen lässt und schöner macht und zur Freude aller dient. Oder unseren Terminkalender mit der Aufgabenliste: Alles rauswerfen, was nicht schön ist oder wirklich unbedingt notwendig. Oder für jedes schöne Erlebnis einen Stein oder so etwas in die Tasche zu stecken und am Abend diese Steine anschauen und sich erinnern.
EM: Ich schätze, das würde vieles verändern. Wenn Menschen einander dienen, mit dem, was der Heilige Geist ihnen schenkt, dann kann Kirche, Gemeinde schöner werden und strahlen. Ich glaube, dass das Menschen erreichen würde, die wenig mit Kirche am Hut haben.
ET: Da haben wir nur ein Problem: Der Geist weht, wo er will. Bei manchen kommt er offenbar gerne vorbei. Andere sitzen eher auf der Leeseite, wenn er weht. Und wieder andere machen den Eindruck, dass der Geist gerne vorbei kommen würde, aber sie halten die Tür fest verschlossen. Bei denen hilft dann nur: Die Tür aufmachen und warten. Er kommt, das hat Jesus versprochen. Auch zu Ihnen, zu uns. Oder ist er schon längst da gewesen und wir haben es nur nicht gemerkt? Das heißt: Wir haben Fähigkeiten, von denen wir bisher gar nichts wussten? Oder eine Aufgabe, die wir bisher vernachlässigt haben? Manchmal können unsere Mitmenschen entscheidende Hinweise geben. Wir müssen sie nur fragen. Oder wir weisen sie auf ihre Charismen hin.
Und noch einen Hinweis gibt uns Paulus: Es ist der eine Geist, der unter uns wirkt, wenn er wirkt – bei uns, bei Ihnen, bei den Baptisten und den Freien Evangelischen, den Katholiken und Lutheranern. Wenn wir also den Eindruck haben, er macht bei uns gerade eine Pause, freuen wir uns an den anderen. Denn es ist derselbe Geist. Der Geist Gottes, der in uns wirkt.
Amen.

Beitragsbild: Pfingsten und die Aussendung des Heiligen Geistes auf die Apostel, von Herrad von Landsberg – Hortus Deliciarum, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31441219

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