Keiner versteht mich

Vor einigen Tagen habe ich auf diesem und einem anderen Blog über die Grundlage unseres Denkens und Handelns diskutiert. Und auch wenn jeder Mensch einzigartig und nicht wirklich in Kategorien einzuordnen ist, würde ich zwei von uns als Rationalisten bezeichnen. Sie wünschen sich die Vernunft als Grundlage unserer Auseinandersetzungen und Entscheidungen. Eine ist eine evangelikale Christin und ich würde mich als liberalen Christen bezeichnen. Und ich denke, dass wir damit die Denkweisen in unserer Gesellschaft im Prinzip nicht schlecht abbildeten.

Wir haben immer wieder neue Ansätze gesucht, unsere jeweilige Position den anderen zu erklären. Am Ende haben wir die Gespräche abgebrochen. Wir kamen nicht zueinander.

Und dabei waren wir alle reflektierte Menschen mit dem Wunsch, uns verständlich zu machen. Am Ende saßen wir wieder in unserer eigenen Blase und dachten wohl alle dasselbe: Wie borniert können die anderen bloß sein!

Genauso erlebe ich es in unserer Gesellschaft: Auch nach vielen Recherchen und Bemühungen vermittelt noch ungefähr jeder ZeitOnline-Artikel die Meinung: Wie doof können AfD-Anhänger bloß sein? Und SpiegelOnline versucht immer noch und immer wieder, Homöopathie-Anhänger mit wissenschaftlichen Argumenten zu überzeugen und begreift nicht, dass das denen egal ist. Die SPD versteht die Welt nicht mehr und die AfD fühlt sich sowieso von niemandem verstanden.

Und auch ich frage mich: Was ist da passiert? Warum reden wir aneinander vorbei? Und was muss passieren, dass wir doch noch zueinander kommen.

Denn wir leben nun mal in einer Gesellschaft. Und wir wären erfolgreicher, wenn wir kooperativ unsere Probleme lösen könnten. Dazu müssen wir erst einmal eine gemeinsame Basis finden. Welche könnte das sein?

Ihr könnt, wenn Ihr mögt, die Diskussionen im Netz auf „Überschaubare Relevanz“ und auf diesem Blog nachlesen. Und natürlich werde ich selbst weiter darüber nachdenken.

Über einen lebendigen Austausch würde ich mich freuen.

7 Gedanken zu “Keiner versteht mich

  1. Jutta Seeland schreibt:

    Lieber Herr Thiesen,
    Vielleicht bin ich etwas „schlicht gestrickt“, aber meine Antwort auf Ihre Fragen wäre in etwa diese: Jeder schaut mit seinen Augen auf das Geschehen in der Welt und um ihn herum. Und diese seine Augen sind, bzw. das Verständnis dahinter ist geprägt vom eigenen (Er)Lebenshintergrund, v.a. dem Elternhaus und dessen ‚Vorgaben‘ (Lehren, Genetik), wie auch immer diese verarbeitet wurden.
    Wann immer ich jemanden bzw. seine Sicht der Dinge nicht verstehe, versuche ich zu erfassen, welche Ängste, welche unerfüllten Bedürfnisse oder eben welche Lebenserfahrungen ihn wohl zu dieser mir fremden oder unverständlichen Ansicht gebracht haben. Wenn mir das gelingt, (das klingt einfacher, als es sich mir bisweilen darstellt), kann ich meistens akzeptieren – und zwar wohlwollend, wenn auch aufseufzend – dass mein Gegenüber wohl nicht aus seiner Haut kann. So wenig wie ich übrigens aus meiner. Das macht mir das Akzeptieren leichter. Viel schwerer fällt mir diese Haltung, wenn ich trotz ernsthaften Bemühens nicht verstehe… Dann bleibt mir nur die lapidare Erkenntnis, dass es eben wohl doch verschiedene Wege nach Rom gibt. Was immer ‚Rom‘ dann meint.
    Herzlichen Gruß!

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    • gebrocheneslicht schreibt:

      Liebe Frau Seeland,
      Ihre Haltung kann ich voll und ganz unterschreiben. Und ist es nicht auch wunderbar, verschiedene Sichtweisen kennenzulernen und das Leben unter unterschiedlichen Gesichtspunkten wahrzunehmen?
      Den öffentlichen Diskurs erlebe ich zurzeit aber eher als Machtkampf. Der säkular-liberale Ansatz stand, wie ich es sehe, schon fast vor dem Durchbruch auf allen Ebenen – da drängen religiöse Sichtweisen besonders mit dem Islam erneut nach vorne. Und auch die völkische Idee, die nach dem Krieg per Gesetz verboten worden war, hat wieder Konjunktur. Eine beliebte liberale Reaktion darauf ist ja: Soll doch jeder, jede denken und glauben, wie’s beliebt. Aber bitte privat und nicht in der Öffentlichkeit, da wollen wir bestimmen.
      Was aber, wenn wir uns nicht aus dem Weg gehen können? Wenn wir konkrete Probleme wie die Flüchtlingsfrage lösen müssen? Wie kommen wir da zu konstruktiven Ergebnissen?
      Ich werde keine Antwort darauf finden. Aber mich beschäftigt der Weg dahin.
      Herzliche Grüße!

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    • Thomas schreibt:

      Liebe Frau Seeland, Sie sind keinesfalls schlicht gestrickt – ganz im Gegenteil ! Sie haben eine sehr offene und empathische Art, die Dinge zu beschreiben. Es ist so kompliziert, so tragisch, so voller Schmerzen , so leidvoll , dass wir Menschen eben gar nicht so leicht aus unserer Haut können.

      Mir kommt es oft so vor, dass wir Menschen oft in in sich geschlossenen Systemen leben, lieben, denken, handeln … Irgendwie scheinen wir das zu brauchen, um unsere Ängste zu bewältigen, zu beruhigen, zu besänftigen – insbesondere die Angst vor dem Erwachsen-Werden und damit die Angst vor der freien Entscheidung und Tat, die sich nicht mehr hinter andere Autoritäten ausserhalb unserer selbst zurück ziehen kann.

      Wer Schutz sucht in in sich geschlossenen Systemen, der kann natürlich auch nicht entdecken, was sich ausserhalb dieses geschlossenen Systems, dessen Teil man ist, zu entdecken gibt : an Freiheit, an Liebe, an Leben, an Möglichkeiten und Lebenslandschaften.
      Hinzu kommt, dass das System selbst jenen mit Liebesentzug bestraft, der auch nur wagt, daran zu denken, das System zu verlassen.

      Ich denke dabei oft an jene Löwen in einem Tierpark, denen man die Käfigtür öffnete und die dennoch den Weg in die Freiheit zunächst nicht wagten, nur sehr vorsichtig den Käfig für einige Momente verliessen, um sofort wieder in den Käfig zurück zu kehren – den vertrauten Ort der Geborgenheit , aber eben auch den Ort des Gewohnten, der einem das Abenteuer der Freiheit und neuer Entdeckungen von Leben vorenthielt. Erst nach Tagen, manchmal nach Wochen waren die Löwen bereit, das eigene, in sich geschlossene System zu verlassen und sich Neuem zu öffnen. Erwachsenwerden setzt wohl voraus, dass wir unsere Ängste vor der Freiheit und dem Wagnis eigenverantwortlichen Lebens bearbeiten und in den Griff bekommen
      und uns dabei nicht mehr eines naiven Gottesbildes bedienen müssen, sondern in uns selbst ein Selbstvertrauen entdecken, dass uns halten und tragen kann.

      Der Fundamentalismus hat zur Zeit Hochkonjunktur und natürlich hat das auch mit der großen Verunsicherung in einer Welt des Umbruchs zu tun. Der Mensch zieht sich in in sich geschlossene Systeme zurück, die es mit verbaler oder auch körperlicher Gewalt zu verteidigen gilt. Und immer öfter stellen wir erschrocken fest, welches Gefährdungspotential von den Fundamentalisten aller (!) Religionen ausgeht. Wer liebt uns verängstigte Menschen zurück ins Leben ?

      Liebe Frau Seeland, vielen Dank für Ihre schönen Worte !

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  2. Ralf Liedtke schreibt:

    Ja, der Dialog zum Marathon fand seinen Abbruch. Wir kamen nicht wirklich zureinander und auch ich war einer der Beteiligten. Wenn ich mich nehme, war es den Versuch wert, ich habe für mich wertvolle Erfahrungen mitgenommen – Erkenntnisse über andere Sichtweisen wie auch über mich selbst gewonnen oder vertiefen können. Also hat es sich gelohnt. Und wir sind nicht den anderen abwertend oder gar feindselig auseinandergegangen. Das ist doch viel und etwas, was wir in der politischen Auseinandersetzung heute und in den sogenannten Talkrunden so gut wie nicht mehr erleben.

    Da lebt wirklich jeder in seiner „Blase“, will den anderen gar nicht verstehen und unternimmt hierzu auch keinen Versuch, so dass selbst auf Fragen des anderen nicht eingangen wird.
    Es geht nur noch um das Prinzip „ich bin o.k.und du bist nicht o.k.“. Es geht um „Dresche“ für den anderen, ein Ausgrenzen oder besser noch „in die Ecke stellen“ und ein süffisantes Auskosten des eigenen Überlegenheitsgefühl des „besseren“ Menschen. Manche nennen das auch gelebte Mehrwerthaltung.

    In unserem Dialog kamen wir halt nicht zueinander. Doch was heißt das? Haben wir aneinander vorbeigeredet? Ich finde, dass wir durchaus im „Marathon“ miteinander geredet haben – was doch viel an sich wert ist. Wir haben versucht, den anderen zu verstehen – ich selbst habe mich bemüht, gerade weil mir manches an den Gedanken von C. sehr fremd war. Ich musste mich zunächst überwinden, diesen Versuch zu starten, überhaupt verstehen zu wollen. So bin ich heute dankbar, dass C. mir die Pforten zu ihrer „Welt“ geöffnet hat. Zu den dahinterliegenden Motiven, Mustern und Bedürfnissen sind wir leider nicht mehr gekommen – hier wäre es dann wirklich spannend geworden. Und vielleicht wären wir noch ein Stück weitergekommen! Doch wohin, frage ich mich jetzt oder auch, was wäre unser Ziel gewesen oder hätte es überhaupt ein gemeinsames sein können? Möglicherweise wäre dies die Chance gewesen, ein noch tieferes Verstehen auf beiden Seiten zu erreichen.

    Ich frage mich auch, was kann zueinander kommen bedeuten? Meine Weltsicht, mein „Gottesbild“ und meine Selbstdefinition als Mensch wie Christ wird anders bleiben als das, was ich in den Beiträgen von C. wahrgenommen habe. Ich bin darauf neugierig geworden, habe hingehört und habe versucht zu verstehen. Und ich akzeptiere diese andere Sicht der Dinge, weil diese mich nicht einschränkt und mir auch keine Angst oder Furcht macht. Doch wir werden auf Basis dieser sehr diametralen Ansichten kein gemeinsames Verständnis finden.Ich will dann weder „bekehrt“ werden noch „bekehren“ wollen.

    Wir haben den Dialog gewagt und sind nicht unversöhnlich auseinander gegangen, auch ohne eine gemeinsame Sprache in diesen Punkten zu finden. Mir hat das Lust auf ein Mehr gemacht.

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