War da was?

Luther und das Reformationsjubiläum

Ralf bat mich in einer Mail, mal was über Luther und das Reformationsjubiläum zu schreiben. Und auch wenn ich mit diesem Ereignis durchaus fremdele, hat es mich gereizt, ihm eine Mail zu schreiben. Wie das aber so ist bei Theologen – sie ist etwas länger geraten. Und wer wissen will, was ich nun selbst von Luther halte, muss gleich ganz nach unten scrollen…

Um gleich mit einer Provokation zu beginnen: Die Bedeutung von Luther für heute schätze ich relativ gering ein. Immer deutlicher wird, wie sehr er noch in den mittelalterlichen Strukturen gedacht hat und wie wenig er von der neuen Zeit, der Renaissance begriffen hat, die uns heute mit ihren Prinzipien der Individualität und Toleranz viel mehr beeinflusst als Luthers Rechtfertigungslehre.

Andere Theologen waren dagegen viel moderner. Erasmus von Rotterdam zum Beispiel, zu seiner Zeit mindestens genauso einflussreich wie Luther und von diesem sehr bekämpft. Oder Sebastian Castellio, der gegen Calvin die Toleranz Andersdenkender verteidigt hat und von dem ich erst vor wenigen Jahren hörte (kein Wort von ihm im Studium!).  Und auf den mittelalterlichen Raimundus Lullus mit seinen interreligiösen Gesprächen („Das Buch vom Heiden und den drei Weisen“, Reclam) hat mich erst ein ehemaliges Gemeindeglied aufmerksam gemacht.

Luther dagegen ist wie Herr Tur Tur, der Scheinriese aus Jim Knopf. Je näher man ihm kommt, desto normaler wird er – und er wird ja dadurch keineswegs zum Zwerg. Aber seine Bedeutung ist doch auch sehr durch externe Einflüsse bestimmt gewesen: Ohne die Verbreitung seiner Gedanken durch Lucas Cranach in Wort und Bild (erinnert sehr an Springer und sein Medienimperium) und die politische Lage („deutsche“ Kurfürsten gegen den habsburgischen, spanisch orientierten Kaiser) wäre die Verbreitung der Reformation gar nicht möglich gewesen.

Zum „Reformationsjubiläum“ 1617 brauchte man Luther und seine Lehre zur konfessionellen Selbstvergewisserung. Neben der Lutherverehrung prägte sich die lutherische Orthodoxie heraus, in der alles dogmatisiert, systematisiert und kategorisiert wurde. Mit Luther, der nicht sehr systematisch gedacht hat, hatte das nicht mehr so viel zu tun.

1717 wurde Luther einerseits, vom Pietismus, zum innerlichen Frommen gegen die äußerliche Orthodoxie in Luthertum und Katholizismus stilisiert, andererseits von den Aufklärern zum Kämpfer gegen Aberglaube und Papst.

1817 stand dann im Zeichen des Nationalismus. Die Napoleonkriege prägten die Zeit. 1917 war Krieg. In unserer Kirche Niendorf-Markt zeugt davon noch ein Nagelschild mit Bibel und Schwert – die aufrechten deutschen Kämpfer gegen die welschen Franzosen mit ihrem falschen Charakter.

2017 wollte man alles besser machen, d.h. erst einmal alle Fehler vermeiden: Keinen dogmatischen Luther – deshalb psychologisierte man seine Rechtfertigungslehre („Du darfst so bleiben, wie du bist“ oder religiös: Gott liebt dich wie du bist), ökonomisierte sie (wir wollen uns doch nicht über Leistung definieren, oder?), historisierte ihn (er war viel mehr Kind seiner Zeit als wir denken), entheroisierte ihn (Luther war auch nur ein Mensch, und wir entschuldigen uns für seine Ausfälle gegen Juden, Bauern, Hexen, Katholiken und überhaupt Andersdenkende, entschuldige, entschuldige…) Und damit wurde Luther, was er war: ein Mensch. Aber er verlor seinen Status als Vorbild, als Norm, als genialer und fast unfehlbarer Theologe, als Werbeträger.

In seiner Verzweiflung darüber zettelte der als „Cheftheologe der EKD“ bezeichnete Thies Gundlach einen öffentlichen Streit mit den Kirchenhistorikern an und warf ihnen vor: Ihr unterstützt das Jubiläum nicht genug. Die Kirche braucht euch, um ein öffentlich wirksames Lutherbild zu schaffen. Die Historiker reagierten kühl und verwiesen darauf, dass sie der wissenschaftlichen Redlichkeit mehr verpflichtet sind als dem Image der Kirche.

Ich glaube, dass das Problem weniger in Luther begründet liegt als in unserem Verhältnis zu Tradition und Autorität und Autorität der Tradition. Noch immer werden wir als lutherische Theologen auf die Konkordienformel verpflichtet, also auf die theologische Kanonisierung der Rechtfertigungslehre, die sich nach dem Tod Luthers herausgebildet hat. Das (ver)führt uns dazu, dass wir versuchen, die Lehre aus dem 16. Jahrhundert irgendwie auf unsere Zeit zu übertragen.

Luther hat seine „Lehre“, wie Jesus und Paulus, nicht als dogmatisches System verkündet. Sie war konkrete Antwort auf eine konkrete Situation und Gefühlslage: Seiner Angst vor der Hölle, vielleicht auch vor dem autoritären Vater, seinem Perfektionismus – er konnte nie fünfe gerade sein lassen. Ein Fehler in der Observanz, ja ein Schatten auf seiner „Liebe zu Gott“ musste zur sicheren Verdammnis führen. Deshalb musste er auf der anderen Seite eine allumfassende Gnade postulieren, die in keiner Weise von seiner ja unvollkommenen Person abhing. Dass er damit in schwere logische See kam, hat er ignoriert. Das war auch der Grund für den Konflikt mit den Reformierten: Das Abendmahlsverständnis des humanistisch gebildeten Zwingli ist logisch (symbolische Präsenz Jesu, Essen als Erinnerung), Luthers ist soterio-logisch (Realpräsenz Jesu, Essen als Gemeinschaft mit ihm).

Doch Luthers Frage nach dem gnädigen Gott ist nicht mehr wirklich die unsere. Und wenn es doch unsere ist, wird sie uns eingeredet. Das heißt dann: Die Kirche ist die Lösung eines Problems (Mensch als Sünder), das es ohne sie gar nicht geben würde. Es ist auch interessant und bezeichnend, dass die kirchlichen Gruppen, die „Bibel und Bekenntnis“ im Namen tragen (Netzwerk und Kirchliche Sammlung) unglaublich rückwärtsgewandt und antimodernistisch sind, homophob und dogmatisch.

Nach so viel Kritik nun die Frage: Was finde ich denn an Luther, also positiv?

  1. Seine gedankliche Konsequenz. Im Prinzip hat er die katholische Sündenlehre ad absurdum geführt. Er hat sie allerdings nicht abgeschafft, sondern setzte ihr seine Gnadenlehre entgegen.
  2. Sein Mut. Die katholische Kirche war allmächtig, und das nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Nur sie konnte vor der zeitlichen Strafe (bis hin zur Todesstrafe bei Häresie) retten wie vor der ewigen Verdammnis. Auch wenn es aus Bismarcks Mund etwas unheimlich klang, aber mit seinem Spruch „Wir Deutsche fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt“ kann ich durchaus etwas anfangen.
  3. Dem Volk aufs Maul geschaut. Wird ja oft positiv herausgestellt, nicht ohne ein paar seiner sprachschöpferischen Sätze zu zitieren (Perlen vor die Säue, ein Herz und eine Seele…). Dass er dabei oft die Grenze zur Vulgarität, selbst für seine Zeit, überschritt, wird gerne schamvoll verschwiegen. Macht ihn mir aber fast wieder sympathisch.
  4. Er mischte sich ein. In das Leben anderer Menschen. In die Politik. In was auch immer. Hier hat er zwar auch oft danebengegriffen. Aber ich finde es besser als dieses Etepetete-Raushalten.
  5. Er war einfach ein gerader, ehrlicher Mensch.

Einerseits fasziniert mich die kompromisslose Art Luthers, andererseits schreckt sie mich ab. Wäre bestimmt interessant, ihn mal auf ein Bier zu treffen. Ich fürchte nur, dass ich dabei kaum zu Wort gekommen wäre.

Soweit, lieber Ralf (und jetzt auch liebe Blogleserinnen und -leser). Erstmal etwas zum Reagieren?

Herzliche Grüße
Erik

5 Gedanken zu “War da was?

  1. Ralf Liedtke schreibt:

    Lieber Erik,
    für Deine ausführlichen Antworten zunächst ein ganz liebes Dankeschön! Es ist nicht unser erster Diskurs, der mir immer wieder Freude bereitet und wie ein mäandernder Fluss meine Gedanken und Erkenntnisse weiterfließen lässt.

    Wir sind in ganz vielem, was Du schreibst sehr nah beieinander. Es gibt einige Facetten, die ich in einem späteren Beitrag ergänzen oder auch nuancieren möchte, da tue ich dann gern. Ich dachte gestern aber noch einmal darüber nach, was der Anlass oder das Motiv meiner Bitte an Dich war, mehr zu Luther und insbesondere den Bezug zu heute von Dir zu hören. Damit habe ich ja nun ein Fass aufgemacht, was sicher noch Platz für weitere Beiträge hat.

    Vermutlich ist es meine Enttäuschung über die „offizielle“ Kirche und ihre Gestaltung des Lutherjahres. Denn bedeutet „Refomation“ im eigentlichen Sinne des Wortes nicht „Umgestaltung“ im Sinne von Erneuerung? Und wäre es nicht eine Chance, in diesem Lutherjahr mit der 500 jährigen Feier der Reformation nicht ernsthafte Fragen nach der Kirche im Hier und jetzt und in der Zukunft zu stellen. Braucht es nicht gerade heute auch eine Erneuerung, in welcher Form auch immer und was können wir möglicherweise von Luther lernen und für die Zukunft der Kirche mitnehmen?

    Klar, es wird „gefeiert“ – mit sicher guten und ehrlichen Absichten. Dagegen spricht auch nichts, wurden durch Luther und Co. doch die Grundlagen unserer Kirche und Interpretation unseres Glaubens gelegt.Und sicher darf und muss man sich freuen! Für mich bleibt trotzdem vieles, was ich bisher wahrnehme, recht fade und seicht – vielleicht, weil ich nach langen Jahren der Abstinenz durch meinen Wiedereintritt in die Kirche auch zu meinen Zweifeln stehe, Fragen entwickle und nach Antworten suche.

    Das Reformationsjahr als Chance vertan? Dieser Gedanke bedrängt mich. Luther hat zu seiner Zeit die Kontroverse unerschüttert gesucht, quer zu den gängigen herrschenden Meinungen, dem damaligen Mainstream oder auch gängigen political correctness. Er hat nicht nur Teile der Kirche erneuert, denn sein Verständnis von Gott und den Menschen hat die Entwicklung in die Neuzeit beschleunigt, obwohl er letztlich Kind seiner Zeit blieb und damit auch dem mittelalterlichen Denken zu anderen Aspekten.

    Er hat den Anstoss zur Reformation, also Erneuerung gegeben, die sicher notwendig war und zementierte Strukturen zum bröckeln gebracht. Er erreichte damit unzählige Menschen, war „Bestseller-Autor“ seiner Zeit, selbst wenn ihm der eine oder andere aus nachvollziehbaren später auch wieder den Rücken kehrte.

    Stehen wir heute nich auch an einer „Zeitenwende“, wo es auch Kirche und ihre Botschaften neu zu interpretieren und zu leben gälte? Ich persönlich glaube das und würde mir das sehnlichst wünschen – einen offenen und ernsthaften Diskurs. Ich empfinde unsere Kirche als die offenste von allen anderen und böte sie daher nicht den Raum? Durch diese Offenheit ist sie aber auch immer wieder gefährdet, unterliegt erkennbar dem „Zeitgeist“. Und sie irrt sie mitunter hin und her, will es vielen recht machen und sendet zu allem auch politische Botschaften aus, mitunter auch tendenziös.

    Ihre Botschaften zum Reformationsjahr sind wir die der politischen Parteien „ausgewogen“ und „geglättet“, nur nicht provokativ oder gar aneckend. Man gibt sich bedächtig und vorsichtig, um bloß keinen Konflikt zum Leben zu erwecken. Und wir machen als Kirche zeitgemäß auch auf „Show“ und zeigen, dass wir das können, Die Form ist dann strahlend, doch die Inhalte bleiben vage und „dünn“.

    Menschen, die heute der Kirche sowieso fern stehen, reißt das Spektakel sicher nicht vom Hocker. Die beschäftigt wenn die Frage: Gibt es überhaupt einen Gott? Oder halten dies längst für eine Illusion. Auch an den passiven Christen scheint das Lutherjahr eher vorbeizugehen. Und ich, als eher noch aktiver Christ, fühle mich wenig inspiriert. Schade!

    Und so begann es und damit stellten sich mir Fragen:
    – Was ist das unvergängliche Verdienst eines Luthers und anderer seiner Zeitgenossen? Was ist das Erbe, das unsere Gesellschaft und Kirche auch heute noch prägt oder beeinflusst, ohne dass das Heute nicht denkbar wäre?
    – Wo ist/ war Luther nicht unfehlbar, weil auch er Mensch seiner Zeit und persönlichen Biographie war? Was ist aus heutiger Sicht kritisch zu betrachten, wo braucht es eine neue Reformation?
    – Was lernen wir von Luther für unsere heutige Zeit, was nehmen wir als wesentliches Erbe mit? Wo schmeißen wir aber auch „Ballast“ ab, der eher hindert als nützt?
    – Wie viel Reformation und Erneuerung – oder auch Radikalität – braucht unsere heutge Kirche, um auch für die Zukunft noch zu bestehen? (PS: Damit meine ich nicht, jeder beliebigen Mode zu folgen.)

    Danke, lieber Erik, für die ersten Antworten. An anderer Stelle mehr.

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    • gebrocheneslicht schreibt:

      Genau, lieber Ralf, getreu dem Motto von Gustav Mahler „Tradition ist Entzünden des Feuers und nicht Anbetung der Asche“, oder, abgewandelt, nicht Bewahrung der Asche, sondern Entzünden des Feuers.
      Und wo sehe ich die Herausforderungen von heute? Mal unsortiert:
      Heraus aus der Kirchenblase
      Dialog mit der säkularen Welt
      Interreligiöser Dialog
      Engagement für eine tolerante und gleichzeitig kooperative Gesellschaft
      Engagement für den Menschen, der in dieser Gesellschaft nicht zu seinem Recht kommt
      oder allgemeiner: Einsatz für die Menschenrechte

      Luther hat auf die Fragen seiner Zeit seine Antworten gefunden, die viele Menschen überzeugt haben. Wir stehen vor anderen Herausforderungen. Aber vor welchen? Gerade darüber müssen wir reden. Wie ich schon öfter sagte: Es ist wichtiger, die richtigen Fragen zu stellen. Die Antworten kommen dann schon von selbst.

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  2. Ralf Liedtke schreibt:

    D´accord! Ohne die richtigen Fragen gibt es keine wirklichen Antworten. Und zu den richtigen Fragen kommen wir entweder durch echte Neugierde, die war als Erwachsene meist schon verloren haben (wir wissen ja alles und haben unsere spezifische Meinung!) oder durch in uns nagende Zweifel (die wir in der Öffentlichkeit ungern zugestehen, zeigen sie doch anscheinend von unserer „Schwäche“).

    Dabei könnte gerade hier unser Luther ein Vorbild sein. Geplagt von seinen Ängsten vor dem Teufel und dem strafenden Gott wuchs sein persönliches Erkenntnisinteresse. Er suchte nach dem gnädigen Gott und einen engeren Zugang zu ihm als einfacher Mensch.

    Apropos: Ich hatte letzte Nacht einen Traum. Wir schreiben das Jahr 2017, fünfhundert Jahre sind seit der ereignisreichen Reformation vergangen. Überall sitzen aktive Christen wie auch andere aufgeschlossene Menschen beisammen und ringen im lebendigen Streitgespräch um „utopische“ Entwürfe für eine reformierte Kirche der Zukunft.
    – Wie sieht unsere Kirche in 2050 aus?
    – Wie haben wir es in den Jahren bis dahin geschafft, die Kirche und den Glauben für viele Menschen wieder attraktiv zu machen?
    – Warum ist Kirche wieder zu einer auch die Gesellschaft bewegenden Kraft geworden?
    – Was ist unser heutiges Verständnis von Gott und wie stellt sich unser Menschenbild dar?
    – Was ist neu/ anders an unserem Verhältnis zu anderen Religionen?

    Ich sah „rauchende“ Köpfe und erlebte einen Schwall positiver Energie.Ich wachte auf, rieb mir erstaunt die Augen und erinnerte mich, dass ich zu Luther noch etwas schreiben wollte. Und warte auf Eingebungen in der nächsten Nacht.

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  3. Ingelor Schmidt schreibt:

    Lieber Erik,
    der Mensch Martin L., sein Mythos, seine Frau und Familie haben mich immer sehr interessiert, schon als Kind. Wittenberg war also einer der ersten Orte, die wir nach der Wende besuchten und ich habe sein Haus umkreist, in seiner Kirche gesessen. Gegenüber auf der anderen Seite der Elbe im Wörlitzer Gartenreich versammeln sich die Kirchenbauten aller Konfessionen und Schulen der Aufklärung in idyllischer, geplanter Landschaft, die das Nützliche mit dem Schönen verbinden und in der der Geist sich frei entfalten sollte. Ich fragte mich dort, was Martin L. wohl dazu gesagt hätte und wusste keine rechte Antwort.
    Heute bewundere ich diesen Menschen in erster Linie für seinen unglaublichen Mumm. Und für sein unsentimentales Gottvertrauen.

    Danke für diesen Blog, lieber Freund! Endlich weiß ich, warum ich mich mit der Jubelei um „500 Jahre Reformation“ so schwer tue.
    Liebe Grüße, auch an Ute. Sehr an Dich denkend, mit allen guten Wünschen
    Ingelor

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  4. Ralf Liedtke schreibt:

    Was nehme ich aus Luthers Leben und Schaffen an Fragen und Anregungen mit? Was „lehrt“ mich Luther für die heutige Zeit, was ist für mich sein „Erbe“?

    Luther ist und bleibt Kind seiner Zeit, ein dem mittelalterlichen Denken verhafteter abergläubischer Mensch. Trotz aller Verdienste stößt sein Denken an manifeste Grenzen, die er nicht überwinden kann. Er drückt die „Klinke“ zur Neuzeit und öffnet einen Spalt die Tür, hindurchgegangen ist er selbst nie. Sind aber nicht auch wir „Kinder unserer Zeit“ und „Opfer“ unseres eingeschränkten Denkens? Braucht es, um den Blick in die Zukunft zu weiten, nicht mehr Radikalität und Offenheit im Denken, das Aufbrechen von tradierten Mustern und ein Infrage stellen dieser? Einen radikalen utopischen Entwurf von Kirche für das 21. Jahrhundert und nicht nur eine fortlaufende Anpassung an den Zeitgeist?

    Luther treiben Urängste in die Auseinandersetzung, diese erst wecken sein Erkenntnisinteresse und daraus erwachsen die für ihn drängenden Fragen, auf die er Antworten findet. Er wird eher ungewollt zum Reformator, Entdecker des Gewissens, zum Ketzer gegen höchste Autoritäten und echter Widerständler. Dabei ist es zuallererst ein mitunter verzweifeltes Ringen um sein privates Seelenheil – leidenschaftlich, angstbesessen bis masochistisch. Fängt so nicht alles auch bei uns selbst an, der Aufbruch, müssen wir nicht jeder für uns selbst die Impulse setzen, die uns zu neuen Antworten auf unsere brennenden Fragen treiben. Und beginnt dieses nicht mit dem Mut, sich zu seinen eigenen inneren „Nöten“ zu bekennen?

    Luther konzentriert sich auf sein ureigenes Lebensthema, dem Verhältnis des Menschen zu Gott. Ein neues Bild von Gott zu entwickeln erscheint ihm als seine Lebensaufgabe. Damit beschränkt er sein Schaffen, fokussiert aber auch seinen Blick und seine Kräfte wie seine Energie. Könnte man hier als Erkenntnis mitnehmen, dass Verzettelung nicht weiterhilft und es besser ist, lieber ein Feld intensiver zu beackern und die reiche Ernte dann einzufahren? Selbst wenn es die Gefahr einer Monokultur bedeutet?

    Luther tut etwas Grundlegendes, wie andere Zeitgenossen (Gutenberg, Kolumbus, Kopernikus, Erasmus von Rotterdam u.a.) dies auf anderen Gebieten machen. Die Grundlage ist der Zweifel, dem sie sich stellen, verbunden mit Neugierde oder auch „innerer Not“. Er stellt sich seinen Zweifeln und beackert diese. Und irgendwann kommt für ihn die Erleuchtung durch Antworten auf seine Fragen. Bezogen auf das Hier und Heute könnte das heißen: Müssen wir uns nicht stärker unseren eigenen Zweifeln stellen, die wir alle mit uns herumtragen? Auch wenn das Vielen noch immer als uncool gilt. Den Mut haben, uns mit diesen auseinanderzusetzen und die Angst überwinden, hierfür von anderen belächelt zu werden?

    Alles beginnt im Kleinen mit einem einzigen Samenkorn. Luther will keinen Krawall machen und er will weiß Gott kein radikaler Chaot sein. Eigentlich hat er an der Herrschaft Roms auch nichts auszusetzen, er betrachtet diese als gottgewollt. Er möchte nur zu seinen Zweifeln gehört, nicht links liegen gelassen werden und schon gar nicht verhört werden. Er sucht den Dialog, der ihm von den Herrschenden in Rom verweigert wird. Dieses erst macht ihn aufsässig bis starrsinnig, bringt ihn in einen immer weiter eskalierenden Konflikt. Was lernen wir daraus? Greifen wir die Zweifel derjenigen, die fern ab der Kirche stehen, wirklich auf? Setzen wir uns mit diesen wirklich ernsthaft auseinander? Wie kommen wir aus dem mitunter engen Kokon der Kirche wieder zu den Menschen im Alltagsleben hinaus?

    Luther erfindet die deutsche Sprache neu und schafft überhaupt erst eine gemeinsame Grundlage der Verständigung. Er schreibt in Bildern und entwickelt Wortschöpfungen, die noch heute frisch und lebendig wirken. Er äußert Zweifel an den alten Autoritäten, prüft genau, lässt Dinge weg, die ihm nicht so wichtig erscheinen und nimmt sich auch die Freiheit des Hinzufügens. Übertragen auf die heutige globalisierte Welt und ihre unterschiedlichen Religionen: wie können wir hier eine gemeinsame Sprache mit lebendigen und verbindenden Bilder finden? Von welchem Trennenden müssen wir uns verabschieden und wo braucht es auch neue Gemeinsamkeiten?

    Die Revolution entlässt ihre Kinder, so lautete einst der Titel eines Sachbuch-Bestsellers. Luther macht die Erfahrung, neue Gedanken in die Welt gesetzt zu haben, dann aber die Kontrolle darüber zu verlieren. Die Gedanken sind frei. Sie entwickeln sich weiter und verändern sich, die Welt und den Menschen. So erfolgen für ihn schon bald schmerzliche Angriffe von eigenen Anhängern, die viel ungeduldiger, konsequenter un d radikaler als er selbst sind. Er wird Opfer seiner eigenen Ideen. Während er Geduld predigt, zur Mäßigung und Gewaltlosigkeit aufruft und durch seine Zwei-Reiche-Lehre die weltliche Ordnung als von Gott gewollt zementiert, machen andere ernst und begehren gegen die Leibeigenschaft auf. Wird Luther zum Verräter seiner eigenen Idee n – zum Renegaten? In seiner berühmt berüchtigten Schrift „Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“ stachelt er die Fürsten zum gnadenlosen und brutalen Vorgehen auf, statt zur Mäßigung aufzurufen. Wir steht es um Kirche in der Dritten Welt? Um die Gewaltlosigkeit der Befreiung? Wie viel Unterdrückung ist statthaft oder noch zu ertragen oder welche Formen der Gegenwehr oder ziviler Ungehorsam sind erlaubt? Der Glaubenssatz „Seid untertan der Obrigkeit“ sollte die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland lange Zeit zementieren.

    Nun noch kurz zu Deinen fragmentarischen Gedanken, lieber Erik, zu den Herausforderungen von heute?

    Ein Heraus aus der Kirchenblase, ich sprach an anderen Stelle von einem Kokon, und das Verstärken des Dialogs mit der säkularen Welt sehe ich auch als einen wichtigen Ansatz. Es stellt sich nur die Frage nach dem Wie und auch von wem? Wäre nicht ein jeder von uns als aktiver Christ hier gefordert – nicht als „Missionars-Rolle“ missverstehen, dies liegt mir fern.

    Weiter sprichst Du von einem interreligiösen Dialog. Meinst Du damit eine Verstärkung des Diskurses auch über Glaubensfragen in unserer Kirche oder den Dialog mit anderen Religionen? Beides halte ich für wichtig. Ich fände es allein schon spannend, 10-20 aktive Kirchenmitglieder an einen Tisch zu setzen und nach ihrem jeweiligen Gottesbild zu fragen. Mal sehen, was dabei heraus käme und wie viel Lebendigkeit wir in der Diskussion hätten.

    Bei dem vierten Aspekt – Engagement für eine tolerante und gleichzeitig kooperative Gesellschaft – bin ich hin- und hergerissen. Grundsätzlich stimme ich zu, andererseits gibt es für mich Grenzen der Toleranz und in einigen Dingen halte ich unsere Gesellschaft bereits als zu tolerant. Irgendeiner unserer Politiker prägte einmal den Begriff der „wehrhaften Demokratie“, das trifft für mich hier den Zusammenhang.

    Das Engagement für den Menschen, der in dieser Gesellschaft nicht zu seinem Recht kommt oder allgemeiner der Einsatz für die Menschenrechte hätte ich gern konkreter und präziser, sonst bleibt es für mich eine zu schwammige „Luftblase“, wo jeder für sich etwas hineininterpretiert. Allein mit dem Begriff der „Sozialen Gerechtigkeit“ wird meines Erachtens heute viel Unsinn betrieben. Was ist jeweils sozial gerecht und wer definiert das? Über Manches lässt sich trefflich streiten wie auch über die Rolle eines Christen zu dieser Thematik.

    Aber warum diese aufgeworfenen Fragen und Themen nicht einmal ernsthaft weiterverfolgen? An Gesprächsstoff mangelt es nicht – und da war ja mal mein Traum, aus dem ich erwachte und die Seifenblase zerplatzte.

    Zumindest Luther habe ich erst einmal fertig.

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