Das sprechende Kreuz

 

auch 9. Teil der Reihe über die Exerzitien. Bingen, 24. Juli 2016
Die vorherigen Beiträge sind unter dem Stichwort „Bingen“ versammelt.

Sprechendes Kreuz1Im Exerzitienhaus in Bingen hatten wir zwei Meditationsräume zur Verfügung, in denen jeweils ein Kruzifix aufgestellt war. Vor beiden suchte ich mit Jesus ins Gespräch zu kommen, aber nur bei einem gelang es mir.

Im Gebetsraum I stand eine Nachbildung des Kreuzes der Kirche San Damiano in Assisi, eine Kreuz-Ikone, etwa aus dem 11. Jahrhundert. Sie wird auch das „sprechende Kreuz“ genannt, denn als Franziskus einmal vor ihr betete, sprach Jesus zu ihm und gab ihm den Auftrag für sein Leben: „Franziskus, geh und baue mein Haus wieder auf, das, wie du siehst, ganz und gar in Verfall gerät.“

Auch ich kam zu diesem Jesus mit meinen Fragen und Sprechendes Kreuz10Zweifeln – aber er gab mir keine Antwort. Ja, ich hatte das Gefühl, dass er gar nicht mit mir reden wollte. Er schaute ständig links an mir vorbei, mit einem abwesenden Gesichtsausdruck. So als ob er gelangweilt wäre oder ganz mit sich selbst beschäftigt.

Sprechendes Kreuz5Dafür entdeckte ich etliche weitere Personen, mit denen ich mich sofort gut verstand. Das galt besonders für die beiden Engelpaare unter seinen Armen. Sie unterhalten sich so angeregt, sind so ins Sprechendes Kreuz6freundschaftliche Gespräch vertieft, dass ich mich am liebsten zu ihnen gesetzt hätte. Eigentlich fehlen in diesen Szenen nur noch die Bier- oder Weingläser.

Sprechendes Kreuz7Die Menschen unter dem Kreuz sind in ihre Trauer vertieft: Auf der linken Seite stehen Maria und Johannes. Kümmere dich um meine Sprechendes Kreuz8Mutter, hatte Jesus zu ihm gesagt. Und Johannes wendet sich ihr zu. Gegenüber stehen Maria Magdalena und die Mutter des Jakobus mit dem Centurio von Kapernaum. Besonders die beiden Frauen stehen sich offensichtlich sehr nahe. Der Hauptmann schaut zwar zu Jesus nach oben, gehört aber zu den beiden.

So stelle ich mir Kirche vor: Eine Gemeinschaft von Menschen, die miteinander reden, streiten, denken, die sich gegenseitig trösten und sich nahe sind.

Sprechendes Kreuz2Auch die Szene über dem Kopf von Jesus hat mich berührt. Heute weiß ich, dass sie die Himmelfahrt darstellen soll, und die zehn Personen die Engel sind, die Jesus im Himmel aufnehmen. Damals habe ich gemeint, es wäre Jesus, der voller Begeisterung zu seinen Jüngern spricht. Oder ein Apostel, der anderen Menschen von seinem Glauben berichtet. Und auch das ist für mich Kirche, missionarische Kirche. Denn „Mission heißt zeigen, was man liebt“, sagt Fulbert Steffensky.

Fehlen noch die kaum zu erkennenden Figuren zu Füßen Jesu. Es sind die sechs Patrone Sprechendes Kreuz9Umbriens, die Jesus auf seinem Weg in den Himmel nachschauen. Damals sah ich in ihnen leidende Menschen – „die im Dunkel sieht man nicht“ (Bert Brecht). Auch sie gehören zu unserer Welt und manchmal zu unserer Gemeinde.

Das alles ist für mich sehr realistisch dargestellt. Und der gekreuzigte Jesus ist auch die Verbindung zwischen diesen Personen und Szenen. Und doch scheint er keine rechte Beziehung zu ihnen aufzubauen. Seine Augen schauen ins Leere. Traurig? Teilnahmslos? Und seine Arme breitet er in einer fast hilflosen Geste aus.

Ich hatte das Gefühl, dass die Menschen auch ohne ihn ganz gut klar kommen. Für ein Gespräch unter Freunden oder für ein tröstendes Wort brauchen sie ihn nicht. Zumindest keinen Jesus, der unbeteiligt über allem schwebt.

Heute denke ich, dass wir Jesus brauchen, oder zumindest seinen Geist, damit wir uns bewusst werden: Es gehört zusammen – das Gespräch in der Kneipe und das Trauercafé, die Predigt vom schönen Evangelium und die Sorge um den Zusammenhalt in der Region, der Einsatz für die Benachteiligten und die Feier von besonderen Festen.

Damals aber fand ich keinen Zugang zu diesem Jesus. Ich ging dann lieber zu dem anderen, zum Kruzifix in Gebetsraum II.

Bildnachweise: Das Beitragsbild zeigt den Eingang der Kirche San Damiano in Assisi, von Gunnar Bach Pedersen – San Damiano exterior, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=901193
Die Bilder im Beitrag sind Ausschnitte einer Fotographie von der Nachbildung des Kreuzes in der Kirche San Damiano in Assisi aus dem Gebetsraum des Kardinal-Volk-Hauses, Bingen (c) Erik Thiesen

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