Mit Paulus ins Gespräch

Der Apostel Paulus war ein vielschichtiger und wohl auch schwieriger Mensch. Für mich sind seine Gedankengänge nicht selten eine Herausforderung, sein „Hohelied der Liebe“ genial und seine Einstellung zu Homosexualität und Frauen eine Katastrophe. Als mir dann während der Exerzitien in Bingen zur Aufgabe gemacht wurde, über Römer 1, 26-27 nachzudenken, habe ich dem Pfarrer mit Nachdruck meine Meinung gesagt. Er hat mir nicht ausdrücklich widersprochen, es aber auch nicht so stehen lassen.

Denn er vermutete, dass hinter meinen Emotionen mehr stecken könnte. Paulus und ich, so meinte er, wären uns ähnlicher als ich zugeben würde. Beide hätten wir uns mit einem engen Gottesbild auseinandergesetzt, und beide hätten wir uns daraus befreit.

Und Pfarrer Mückstein machte einen interessanten Vorschlag: „Laden Sie Paulus ein oder besuchen Sie ihn“, meinte er. „Und am besten bitten Sie Jesus selbst dazu. Und dann unterhalten Sie sich über Ihre Erfahrungen.“

Wie im richtigen Leben: Es ist besser, miteinander zu reden als übereinander. Aber wie soll man mit jemandem reden, der fast 2000 Jahre tot ist? So etwas geht nicht ohne Zeitreise, wie im Film „Zurück in die Zukunft“.

Mein Fluxkompensator war mein Geist. Ich nahm alle meine Kenntnisse von der Antike zusammen, wählte das Jahr 52 nach Christus und den Marktplatz von Athen – und sah Paulus, als er gerade seine „Areopag-Rede“ hielt.

Ich weiß nicht, wie ertragreich das anschließende „Gespräch“ mit Paulus, das ich in Bingen aufgeschrieben habe, wirklich war. Aber es hat Spaß gemacht. Und es hat mich noch einmal darauf aufmerksam gemacht, dass hinter Meinungen immer Menschen stehen. Und Menschen haben es immer verdient, ernst genommen zu werden. Auch wenn sie aus meiner Sicht völlig skurrile Ideen haben.

Und in einem Gespräch, in dem ich den Anderen ernst nehme, kann ich mich selber verändern und selbst dazulernen. Sogar dann, wenn dieses Gespräch nur in meinem Kopf stattfindet.

Das Beitragsbild zeigt den Fluxkompensator aus „Zurück in die Zukunft“, fotografiert von Frank Schwichtenberg [CC BY 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/4.0)%5D, via Wikimedia Commons

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