Glaubenswahrheiten

Es war Ende der 80er Jahre. Gerade war das Buch von Uta Ranke-Heinemann „Eunuchen für das Himmelreich“ erschienen, in dem sie die Sexuallehre der katholischen Kirche scharf anprangerte und damit einigen Wirbel auslöste. Ich sprach damals darüber mit einem katholischen Theologiestudenten, und er sagte: „Was Ranke-Heinemann behauptet, ist falsch.“ Ich fragte ihn, woher er seine Information habe. Er meinte: „Die Kirche sagt es.“ Ich fragte: „Aber wenn die Fakten im Buch stimmen?“ Darauf er: „Dann ist es trotzdem falsch, weil die Kirche es so sagt.“ Er meinte es ernst. Und ich dachte: Das nenne ich mal ehrlichen Kadavergehorsam.

Ein Sprung in die Gegenwart. Gestern sagte mir eine Freundin: „Dein Blog sorgt auch zwischen mir und meinem Mann für Gesprächsstoff. Er sagte letztens, als wir uns darüber unterhielten: Ist dir eigentlich bewusst, dass du gerade die Auferstehung leugnest?“ Und ich dachte: Super, wenn dieser Blog diese Wirkung hat.

Dabei geht es mir keineswegs darum, dass jemand an seiner eigenen Kirche irre wird. Oder gar die Auferstehung in Zweifel zieht. Und doch: Wenn ich nur glaube, weil ein Papst es sagt oder weil es in der Bibel steht, dann glaube ich nicht selbst, sondern ich lasse glauben. Das gilt auch, wenn ich freiwillig auf das Denken und Erleben verzichte und mich auf andere verlasse.

Glauben ist für mich nicht das Fürwahrhalten dessen, was andere erlebt und gedacht haben. Der Theologe Lothar Steiger hat einmal geschrieben: „Glaube ist Suche nach einer verlorenen Geschichte.“ (Erzählter Glaube, 1978)

Im letzten Sommer glaubte ich endlich meine Geschichte gefunden zu haben. Es war eine Geschichte voller Leben und Freude, Erfolg und Dankbarkeit, Demut und Heilung, Spiritualität und Stille. Es war ein langer Weg dorthin.

Und dann verlor ich sie wieder mit einem Schlag an den Krebs. Seitdem bin ich wieder auf der Suche nach dem, was trägt. Nach Hoffnung auf eine Zukunft. Nach einem Gott, der uns endlich ein bisschen Ruhe gönnt. Und auch wenn dieser Gott uns schon einige Male enttäuscht hat, ich erwarte von ihm noch etwas. Noch eine ganze Menge Leben, wie Konstantin Wecker es einmal ausgedrückt hat. Ist das nicht ein anderes Wort für Auferstehung?

Nein, ich stelle die Auferstehung Jesu nicht in Frage. Ich halte sie für eine gute Geschichte. Eine Geschichte, die ich für mich, für uns wiederfinden möchte.

3 Gedanken zu “Glaubenswahrheiten

  1. heidrunbuitkamp schreibt:

    Lieber Erik,
    wie schön, von Dir zu hören – und dann auch noch mit so persönlichem Bezug und mit einem tiefgründigen, hoffnungsvollen Bild! Ja, das Thema Auferstehung – zu Auferstehungserfahrungen mitten im Leben kann ich einiges sagen, zum Beispiel hielt der gestrige Tag etwas davon bereit. Es war wunderbar, gemeinsam mit Euch zu feiern! Genuss, Gespräche, einander sehen und hören – das hat so viel mit Leben, neuem Leben, erwachenden Lebensgeistern zu tun. Und ich hoffe sehr, das ist ein Abglanz dessen, was uns erwartet (sozusagen ein kleiner Zipfel des großen Gewandes…) – das ist die große Hoffnung, aber intellektuell zu fassen ist es eben nicht. Und wenn die Frage drängend wird „Wie soll das denn funktionieren?“, kommt es schon mal zu solchen Zuspitzungen wie der von Dir zitierten. Und dann feiern wir zum Glück trotzdem – das große Fest Ostern – und die vielen kleinen! Ich bin gespannt, was wir noch gemeinsam entdecken und bedenken und bekennen und austauschen werden. Danke für Deine Gedanken, die für mich im Moment die glaubwürdigsten überhaupt sind; das Teilen ist so wertvoll! Bis zum nächsten Mal (bald!), herzliche Grüße, Heidrun

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  2. Ute Klingwort-Finster schreibt:

    Ach, wenn es doch wahr wäre! Dass die Auferstehung mehr ist als eine Geschichte, als ein gemeinsam erlebter Moment des Feierns, als ein kurzes Glück. Ich hänge an der Idee, an der Hoffnung auf die Auferstehung als „reales“ Geschehen, und kann es dann doch wieder nicht erklären.
    Ich kann Sie, Herr Thiesen, so gut verstehen! Mir ginge es genauso. Ich würde mit Gott hadern, an meinem Gottesbild zweifeln, meinen Glauben grundsätzlich auf den Prüfstand stellen, mich in Glaubensfragen nur vorsichtig tastend fortbewegen… Ich verstehe es so gut.
    Gleichzeitig suche ich nach einem Glauben, einer Hoffnung, die alles überdauert, die alles aushält – wie die Liebe im Hohenlied. Was ist denn unser Glaube wert, wenn er „nur“ trägt, solange es uns gut geht? Sobald es uns schlecht geht, knicken wir ein, verzagen wir, wir „Kleinmütigen“. Bin ich zu anspruchsvoll? Eine Theoretikerin?
    Darf ich diese Gedanken überhaupt äußern? Ich, die ich – soweit ich weiß – gesund bin?
    Wendet sich nicht alles schlagartig, sobald sich eine Krankheit oder ein anderer gewaltiger Schicksalsschlag meldet? Bin ich dann nicht von einer Sekunde auf die andere mit meinem
    Latein am Ende?
    Glaube als „Suche nach einer verlorenen Geschichte“: Warum ist die Geschichte verloren? Ist sie nur für mich verloren? Habe ich mich nicht genug um sie gekümmert? Ist sie nicht zeitgemäß?
    Nur ein Bild oder die Wirklichkeit? Die Frage nach dem Gottesbild ist elementar. Ich lerne gerade sehr viel von Ihnen und Ihrem Ringen.
    Gemeinsames Überlegen, gemeinsames Suchen und Fragen kann sehr beglückend sein. Es verbindet uns. Wir haben nicht mehr als unsere Gedanken. Die „Wirklichkeit“ kennt niemand, falls es sie überhaupt gibt. Aber Jesus ist für sie gestorben. Jesus erzählt von dem Gott, seinem Vater, der ihn bedingungslos liebt. Was für eine großartige Geschichte! Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir sie glauben können.

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  3. Friedhelm Berg schreibt:

    Zu den Stichworten wie Glauben / Wahrheit / Zweifel / Gott und wie das alles zusammenhängt und was das mit mir zu tun hat, habe ich nachfolgend einige kurze Abschnitte aus einem Vortrag meines Lieblingsautors zusammengestellt.

    „In Schriften, die vor Tausenden von Jahren verfasst wurden, steht, das einzig Unvorstellbare ist das Göttliche. Alles andere kann man sich vorstellen. Und dieses Göttliche ist in uns.

    Leben in den Grenzen der Zeit nenn man EXISTENZ. Ich existiere. Sie existieren. Aber die Frage ist: Wissen wir etwas von dem Göttlichen, das in dieser Schachtel (= dem menschlichen Körper) wohnt?

    WISSEN ist das Zauberwort – nicht glauben – WISSEN. Woher wissen wir? Woher wissen wir überhaupt irgendetwas? Man muss bewusst sein, um zu wissen, und man muss unbewusst sein, um nicht zu wissen.

    Dieser menschliche Körper ist eine Schachtel, und in dieser Schachtel ist das Göttliche – nicht der Weihnachtsmann. Das ist ein großer Unterschied: Der Weihnachtsmann erfüllt Kinderwünsche. Das Göttliche fällt nicht in diesen Bereich. Doch für viel von uns ist das Göttliche wie der Weihnachtsmann. Der Weihnachtsmann ist nicht göttlich. Warum? Weil er kommen und gehen muss. Das Göttliche ist das Einzige, das nicht kommen und gehen kann. Wie auch? Wo soll das Göttliche herkommen? Es ist überall. Wo soll es hingehen? Nirgends. Es kann nirgends hingehen. Das ist das Göttliche. Unsere Existenz ist Leben in den Grenzen der Zeit. Wir sind da. Und nun gibt es zwei Möglichkeiten: wissen und nicht wissen. ……………………………………

    Nichtwissen bringt Ihnen Zweifel. Zweifel bringt Ihnen Angst. Wissen bringt Ihnen Frieden. Frieden ist nicht auf einem Berggipfel zu finden. Absolut nicht. Manche Leute meinen das. ………………………………………………………

    Ich spreche von Wissen. Das heißt aber nicht, dass man aufhören muss zu denken. Wenn man weiß, gönnt man sich den Luxus zu denken, was man denken will. Denn die Fähigkeit zu denken ist Gottes Geschenk an uns, und was wir denken, ist unser Geschenk an uns selbst. Aber wenn wir nicht wissen, reiben wir uns in Zweifeln auf, und nichts macht uns richtig froh

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