Gnade und Gott

auch 7. Teil der Reihe über die Exerzitien. Bingen, 22. Juli 2016
Die vorherigen Beiträge sind unter dem Stichwort „Bingen“ versammelt.

„Denn aus Gnade seid ihr gerettet“, so heißt es im biblischen Brief an die Epheser (Kapitel 2,8). Für Martin Luthers Theologie und Glaube steht die Gnade an zentraler Stelle. Er hatte Angst vor dem Richter-Gott, der ihn mit der ewigen Verdammnis bestrafen würde, wenn er nicht gut genug sei, nicht genug Bußübungen absolviert habe. Für Luther war es eine Befreiung zu entdecken: Gott verlangt von mir – gar nichts. Die Schuld ist bereits abgegolten, weil Jesus am Kreuz gestorben war. Allein aus Gnade. Ich muss es nur noch glauben. So steht es in der Bibel.

Und so wurde das „sola gratia“ zu einer der vier Säulen der Reformation, neben „allein die Schrift (Bibel)“, „allein Christus“ und „allein der Glaube“.

Für Luther war diese Erkenntnis eine Befreiung aus seiner Angst vor dem strafenden Gott, für die Menschen seiner Zeit außerdem die Möglichkeit, sich der allgegenwärtigen Macht der Kirche und des Kaisers zu entziehen. Für mich ist sie heute eher ein Problem.

Denn ich bin Pastor einer lutherischen Kirche und wurde auf die Bekenntnisschriften, die in der Reformationszeit entstanden sind, ordiniert und verpflichtet. Doch irgendwie wollen die Antworten von damals nicht zu meinen Fragen heute passen.

Dabei versucht die Kirche zu zeigen, dass Luthers Botschaft immer noch relevant ist. Die Reformationsbotschafterin Margot Käßmann sagt: Unsere Frage ist nicht mehr die nach einem gnädigen Gott, sondern nach einem sinnerfüllten Leben. Die reformatorische Antwort lautet dann: „Nichts, was du tust oder leistest, macht dich aus.“ Gott „macht uns frei von Leistungsansprüchen.“ Für mich erinnert es an die Reklame einer Margarine-Marke: „Ich will so bleiben wie ich bin – du darfst.“

Und Thies Gundlach, oft als „Cheftheologe“ der EKD bezeichnet, meint: Wenn wir glauben wie Luther, werden wir auch von unseren Ängsten befreit und entwickeln uns dann zu freien, verantwortungsvollen und demokratischen Persönlichkeiten. Und ich frage mich: Wenn Luthers Lehre über Jahrhunderte eher folgsame Untertanen hervorgebracht hat, warum sollte es heute anders sein?

Wenn ich mich mit meinen Leistungsansprüchen und Zielen auseinandersetze, dann schöpfe ich aus vielen Quellen. Die Rechtfertigungslehre ist nur eine davon, und nicht immer die wichtigste. Denn ich habe ein Problem mit dem Gottesbild Luthers: Auch wenn Gott auf die Strafe verzichtet, er bleibt ein Richter. Und ich lande wieder bei Leonard Cohen („You want it darker“): If thine is the glory, then mine must be the shame. Vielleicht bin ich tatsächlich als Sohn und Erbe Gottes eingesetzt, wie Paulus im Römerbrief (Kapitel 8,17) meint. Dann fühle ich mich aber eher wie Prinz Charles: Egal was er macht, wirklich bedeutend ist er ja nicht. Und mit der Abdankung ist es bei Gott noch schwieriger als bei der Queen.

Mit diesem Gottesbild bleibe ich Untertan und abhängig von einer Macht, derer ich mir nie so ganz sicher sein kann. Ich suche nach einem anderen Zugang – und finde ihn, ausgerechnet, in der Gnade.

Fortsetzung folgt.

Die Aussagen über Thies Gundlach beziehen sich auf einen Artikel in der Zeitschrift Pastoraltheologie 2017/4 (April) Seite 129ff: Keiner Angst untertan – zur Freiheit eines Christenmenschen.

2 Gedanken zu “Gnade und Gott

  1. Ralf Liedtke schreibt:

    Gnade steht für mich in zweierlei Hinsicht: Die eine Seite betrift mich in meinem Tun, da wo ich „Schuld“ auf mich geladen habe, mch damit auseinandersetze, um mir letztlich zu verzeihen oder auch die Schuld zu begleichen. Die andere berührt Situationen, wo mir gefühlt „Schuldiges“ angetan wurde und je näher mir die gefühlt Verursacher waren, um so schwieriger fiel mir das Verzeihen.
    .
    Ich fühle mit Luther, wenn er in dieser Zeit, in der er lebte, für sich Trost fand mit dem Bild eines nicht nur strafenden sondern auch tröstenden und liebenden Gottes.Aus historisch wie gesellschaftskritischer Sicht betrachtet, brachte dieses in vieler Hinsicht „Befreiung“.

    Für mich persönlich ist diese lutherische Botschaft ganz relevant. Sie entspricht meinen Gedanken an einen letztlich eher liebenden Gott, der mir in wirklich schwierigen Lebenssituationen an der Seite stand, mir Mut gemacht, Energie gegeben hat und mich zum „Kämpfen“ animiert hat.

    Ich wünschte mir sehr, dass wir als Christen viel persönlicher unsere Empfindungen und Erfahrungen austauschten. Die „offiziellen“ Botschaften der EKD sind auch mir partiell zu „weichgespült“ oder einem „Zeitgeist“ folgend, über den es sich auch im christlichen Sinne streiten ließe.

    Was ich mich allerdings frage, ist: Warum ist Gott ein Richter, wenn er auf Strafe verzichtet? Hier bleibt für mich eine Erklärung offen.

    Weitergehend frage ich mich: Straft Gott wirklich oder ist dieses nur eine so lange gerade von den jeweils Herrschenden propagierte Einbildung, die viele in einem schicksalshaften Dasein beließen. Manche wurden so auch Widerstandskämpfer, wie der Bauernkrieg mit Thomas Müntzer schon sehr früh zeigte.

    Kann ich also Gott wirklich für mein ganz persönliches Schicksal machen? Muss ich mich als Opfer oder Untertan fühlen?

    Wenn das für mich so wäre, hätte ich nie den Schritt zurück in die Kirche geschafft. Für mich ist Gott weder allmächtig noch geheimer „Kumpel“, den ich für jeden Zeitgeist instrumentalieren kann, Insofern bin ich bei meinem Gottesbild, aber nicht bei jeden Äußerungen der „offiztiellen“ meiner wiedergefundenen Kirche?

    Auch Gott, wie ich dieses „Bild“ für mich empfinde, ist nicht vollkommen, wie sollte er auch!? Wenn schon „Goßes“ immer wieder für uns geshen aus dem Ruder läuft, wie ist dann erst bei anderen ganz persönlichen Schicksalen`?

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    • gebrocheneslicht schreibt:

      Wir umkreisen „Gott“, ohne ihn jemals richtig zu erfassen, und machen uns immer unsere zeitbedingten Vorstellungen von ihm (oder ihr?). Der Richter-Gott entsteht natürlich aus dem Bedürfnis, dass endlich einmal die guten Taten angemessen belohnt werden und die Bösen es auch einmal schlecht haben. Und es gibt ja unterschiedliche Richter: Solche, die „Gnade vor Recht“ ergehen lassen („Kuschel-Justiz“) und solche wie „Richter gnadenlos“. Richter aber sind und bleiben beide.
      Dazu kommt noch eine Entwicklung aus dem Mittelalter: Gott als der oberste Lehnsherr, der durch unsere Sünde tödlich beleidigt wird. Das verlangt nach einem Ausgleich – der Tod seines eigenen Sohnes, damit nicht alle Menschen auf ewig bestraft werden müssen (so etwa Anselm von Canterbury). Aus meiner heutigen Sicht mehr als heikel, aber damals war den Germanen bzw. Franken Jesus wohl kaum anders zu vermitteln.

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