Wie geht es dir?

Im „normalen Leben“ taucht diese Frage gerne auch auf in der Variante: „Geht’s gut?“ Und nur in seltenen Fällen will jemand darauf eine ausführliche Antwort. Ich verstehe sie als freundlich gemeinten Gruß und antworte meistens mit „Gut“ – und das kann eigentlich alles bedeuten, signalisiert aber in jedem Fall: Wir müssen nicht weiter darüber reden.

Ich lebe aber inzwischen kein „normales“ Leben mehr. Wenn mich jetzt jemand von euch fragt: „Wie geht es dir?“, dann spüre ich ein anderes, größeres Interesse. Mitgefühl. Aber manchmal auch Unsicherheit: Worüber redet man mit jemandem, der Krebs hat? Über die Krankheit? Oder gerade nicht, sondern über ganz normale Dinge?

Ich weiß auch, dass ich es euch nicht immer leicht mache. Manchmal will ich ohne Ende von meiner Situation reden, manchmal eher nicht. Manchmal finde ich Mitleid hilfreich, manchmal eher lästig.

Von der Redakteurin des Niendorfer Wochenblatts Kirsa Kleist wurde ich einmal gefragt: „Wie tröstet man einen Mann, der sonst – von Berufs wegen – als Trostspender bekannt war?“ Und ich habe geantwortet: „Ich denke so, wie man andere auch tröstet: Da sein, nicht weglaufen, keine Floskeln, nur was sagen, wenn es ehrlich ist, sonst den Mund halten. Keine Antworten geben, sondern nach Antworten – vielleicht eher noch nach den richtigen Fragen – suchen. Sowas hilft, auch wenn man es nicht merkt.“

Krebs kann heißen, dass ich unter den Nach- und Nebenwirkungen von OPs oder Therapien leide. Es kann aber auch heißen, dass ich ein äußerlich normales Leben führe. In jedem Fall aber begleitet mich das Bewusstsein, dass der Tod ganz nahe ist. Natürlich wissen wir alle, dass wir sterben müssen. Aber für mich und ebenso für Ute ist es konkreter. Wir verbinden damit eine Zeit: die nächste Untersuchung, einen Ort:  mein Körper, und einen Namen: Tumor.

Dieses Bewusstsein erzeugt bei uns auch so etwas wie eine milde Paranoia. Jeder Schmerz, jede ungewöhnliche Stelle auf der Haut, die wir nicht sofort einordnen können, macht uns unruhig. Darum verbringen wir gerne einmal eine Extrastunde in der Notaufnahme, selbst im Urlaub. Und wie gut, wenn der Arzt dann sagt: Das ist ein ganz normaler Husten. Ein ganz normaler Bluterguss. Kein Krebs.

Vielleicht hilft es euch, wenn ihr das wisst. Uns zumindest hilft es, wenn ihr uns das Gefühl gebt, dass ihr es wisst und respektiert.

Einigen von euch brauchen wir es aber gar nicht erst zu sagen, weil ihr euch in derselben Welt bewegt wie wir. Ihr habt ähnliche Erfahrungen gemacht. Und wir erleben immer wieder, wie gut uns der Austausch mit euch tut.

Mag sein, dass auch für uns einmal wieder so etwas wie Normalität einkehrt und wir auf die Frage „Wie geht es euch?“ wieder mit einem einfachen „Gut“ antworten und zu Alltäglichkeiten wechseln können. Bis dahin werden wir erzählen oder auch nicht – in jedem Fall aber tut uns die Frage gut. Denn sie signalisiert uns euer Interesse, eure Nähe und euer Mitgefühl.

 

Ein Gedanke zu “Wie geht es dir?

  1. Waltraud Habicht schreibt:

    Wie geht s Dir? Wie geht es Euch? Ich meine es ernst und erwarte kein einfaches „gut“. Aber es stimmt – was die Zukunft uns wirklich bringt, wissen wir (zum Glück) nicht. Und oft ist es wirklich nicht nur schlimm oder gar bodenlos, sondern auch – voll Hoffnung, voll Trost, voll innerer Reife, voll Nähe zueinander.
    Und immer ist da außer der Zukunft auch die Gegenwart. Manchmal kann man sich ein wenig entspannen bei dem Gedanken: jetzt gerade passiert mir nichts. Es ist eigentlich nicht anders als in dem Moment vorher…
    Gerade für die kommenden Tage wünsche ich Euch Freiheit von unnützen Sorgen und sende ich Euch meine besonders guten Wünsche

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