Der unberechenbare Gott

Es ist wahr, mit Gott habe ich so meine Schwierigkeiten. Ja, er hat mir schon viel Gutes geschenkt. Das übersehe ich keineswegs. Aber es war auch viel Mist dabei. Ich finde ihn einfach zu unberechenbar.

Denn das Schlimme an meiner Situation ist nicht, dass ich wieder ins Krankenhaus muss. Die Schmerzen und die Schwäche sind eklig, aber sie sind auszuhalten. Das Schlimme ist die Ungewissheit: Wird es gut ausgehen? Anders gefragt: Werde ich leben?

In der Bibel (2. Mose 19,5) wird erzählt, dass Gott erst mit dem Volk Israel und dann mit allen Menschen einen Bund geschlossen hat: Ich bin bei dir bis ans Ende aller Tage. Aber was ist das für ein Bund, wenn man sich nicht wirklich darauf verlassen kann?

Es gibt viele Geschichten, die diese Widersprüchlichkeit in Worte fassen.

Die Mystikerin Teresa von Avila (1515-1582) beklagte sich einmal im Gebet über all die vielen Drangsale und Widerwärtigkeiten, unter denen sie zu leiden hätte. „So behandele ich meine Freunde“, antwortete ihr der Herr. Teresa versetzte: „Darum hast Du auch nur so wenige.“

Der Milchmann Tewje beklagt sich im Musical Anatevka: Lieber Gott, schick‘ uns die Medizin, die Krankheit haben wir schon! Ich will mich ja nicht beklagen, aber mit deiner gütigen Hilfe, o Herr, sind wir fast am Verhungern.

Und in der Geschichte „Jossel Rakovers Wendung zu Gott“ lässt Zvi Kolitz seine Hauptperson am Ende sagen, nachdem sie alles verloren hat: „Gott Israels“, sagte er, „ich bin hierher geflohen, dass ich Dir ungestört dienen kann: um Deine Gebote zu tun und Deinen Namen zu heiligen. Du aber tust alles, dass ich an Dich nicht glauben soll. Wenn Du aber meinen solltest, dass es Dir gelingen wird, mich mit diesen Versuchungen vom richtigen Weg abzubringen, ruf ich Dir zu, mein Gott und Gott meiner Eltern, dass es Dir alles nicht helfen wird. Magst Du mich auch beleidigen, magst Du mich auch züchtigen, magst Du mir auch wegnehmen das Teuerste und Beste, das ich habe auf der Welt, und mich zu Tode peinigen – ich werde immer an Dich glauben. Ich werde Dich immer lieb haben, immer – Dir selbst zum Trotz!“

Auf der katholischen Internetseite kath.net wird dieses Buch gefeiert. Aber ist es wirklich gut katholisch, wenn ich nur gegen Gott an Gott glauben kann?

Kolitz ist offensichtlich mit Leonard Cohen einer Meinung, wenn der über Gott singt: „You want it darker.“ Am Ende kann sich Rakover nicht auf die Zusagen Gottes verlassen, sondern nur auf den eigenen Willen zu glauben. Und Cohen singt: „I wish there was a treaty we could sign” – ich wünschte, es gäbe einen Vertrag, einen Bund, den wir unterzeichnen und auf den wir uns verlassen könnten.

Ich wünschte es auch. Und ich gestehe: In Gott dem Schöpfer finde ich ihn nicht. Seine Gaben sind zu unberechenbar. Aber ich habe noch eine andere Hoffnung. Sie ist verbunden mit Jesus. Seine Botschaft und sein Leben strahlen eine Zuversicht aus, die mir gut tun.

 

3 Gedanken zu “Der unberechenbare Gott

  1. Ralf Liedtke schreibt:

    Lieber Erik,

    Du wünschst Dir Kommentare, bestätigende wie auch kritische. So kenne ich Dich, so habe ich Dich kennengelernt und insbesondere sehr schätzen gelernt. Das gilt besonders für Deine Offenheit und Dein Querdenken, und ich selbst war und bin ein kritischer Geist.

    Du warst, bist und bleibst nach meinem Wiedereintritt in die Kirche einer meiner besten Wegbegleiter zurück zum christlichen Glauben und zur Selbstfindung bezüglich Glaube und Kirche.

    Du warst es auch, der mir vor noch nicht so langer Zeit viel Mut in einer schwierigen Lebenssituation gemacht hast, auch weitere Klarheit geschenkt. Einfach weil Du nah bei mir warst, mit mir kommuniziert hast. Das war/ ist keine Selbstverständlichkeit. Ich möchte so gern zumindest etwas davon an Dich zurückgeben.

    Was ich in Deinen Worten, Zeilen spüre ist für mich tief verständlich und besonders auch emotional nachvollziehbar. Du kämpfst zu Recht um Dein Leben, wirfst für Dich Fragen auf, äußerst auch grundlegende Zweifel. Und das ist mutig! Insbesondere dies alles auch hier ganz öffentlich zu tun. Ich schätze das sehr.

    Ich habe mich gestern endgültig auf einer Trauerfeier von meiner Mutter verabschiedet, die mir bis heute ein wichtiger Eckpfeiler in meinem Leben war. Was ich mitgenommen habe ist, dass sie in allen Zeiten ihres sicher langen, aber auch turbolenten Lebens in Gott vertraute. Und bis in ihre letzte Worte ernst nahm, dass es nach dem irdischen Leben weitergeht. Sie sprach von einem neuen Reich und der Hoffnung, uns dort wiederzusehen.

    Kann das nicht Mut machen, die Perspektive ein Stück wieder zu erweitern? Vielleicht hat Gott – wenn es denn Pläne gibt, was ich eher bezweifele – ganz anderes vor. Aber gibt es in unserer Vorstelllung als Christen nicht das Bild einer anderen Welt nach dem irdischen Leben, die uns so stark macht!

    Selbst wenn es uns emotional zerreißt, uns in Jahren unseres Lebens, wo wir noch so Vieles schaffen könnten, unsere Familie uns braucht wie viele andere auch, möglicherweise von dieser Welt verabschieden zu müssen?

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    • gebrocheneslicht schreibt:

      Lieber Ralf, in der Tat: der Tod schreckt mich nicht so sehr. Als Anfang August Freund Hein praktisch in der Tür stand, habe ich ihn ruhig begrüßen können. Ich habe keine konkreten Bilder für das, was nachher auf mich zukommt. Aber es wird ok sein.
      Aber es ist noch nicht an der Zeit! Der Regisseur Christoph Schlingensief gab seiner Autobiographie, in der er sich intensiv auch spirituell mit seinem Krebs auseinandersetzte, den Titel: So schön wie hier kann´s im Himmel gar nicht sein. Damit kann ich viel anfangen. Weil Ute hier ist. Weil Ihr hier seid. Weil es hier noch etwas zu tun gibt. Ich möchte, wie Abraham, „alt und lebenssatt sterben und dann versammelt werden zu meinen Vorfahren“. Dann.

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