Den lieben Gott gibt es nicht

Peter Maffay hat zu ihm gesungen und Andrea Berg auch. Ein Kirchenkreis in Westdeutschland hat seine Webseite nach ihm benannt. Und unzählige Menschen beten zu ihm und setzen auf ihn seine Hoffnung: den lieben Gott. Ich fürchte, dass sie enttäuscht werden.

Ich fürchte, dass der liebe Gott nicht lieb ist. Er ist ein „Märchenbuchliebergott“, meinte schon Wolfgang Borchert („Draußen vor der Tür“). Und er fragt: „Wo warst du eigentlich, als die Bomben brüllten, lieber Gott? Oder warst du lieb, als von meinem Spähtrupp elf Mann fehlten? Elf Mann zu wenig, lieber Gott, und du warst gar nicht da, lieber Gott.“

Ich fürchte, er war da. Wo soll er sonst gewesen sein? Hat er sich zurückgezogen? Kann Gott irgendwo nicht sein? Und wäre er dann noch Gott, wenn er irgendwo nicht wäre?

Ich glaube: Weil Menschen es nicht aushielten, dass Gott nicht nur lieb ist, haben sie sich den Teufel ausgedacht. Als Anti-Gott sozusagen. Dabei hat die Kirche eine solche Lehre schon im 2. Jahrhundert abgelehnt, als sie Marcion zum Ketzer erklärte.

Wenn wir unser Glaubensbekenntnis ernst nehmen, dann ist Gott allmächtig und alle anderen nur niedere Chargen. Dann kann er sich nicht aus der Verantwortung stehlen. Kann nicht verweisen auf den Teufel, den Zufall oder „das Böse an sich“.

Wenn es einen Gott gibt, dann ist er auch verantwortlich für das Böse in der Welt und den Krebs in meinem Körper und den ziemlich frühen Tod meiner Mutter.

Und natürlich für all das Wunderbare, das wir sehen und erleben. Gott ist wie das Schicksal, die Welt, das Leben. Und das Leben ist eine Wundertüte. Da gibt es viel Kram – auch solchen, den man nicht bestellt hat.

Wenn Gott alles ist, umfasst er das Gute wie das Böse, die Liebe wie den Hass. Schon im Mittelalter wurde dieser Gedanke formuliert. Nikolaus von Cues nannte es die coincidentia oppositorum, der Zusammenfall der Gegensätze. In Gott, sagt Nikolaus, fallen die Gegensätze der Welt zusammen.

Dass man sich Gottes nicht wirklich sicher sein kann, wusste man in allen Religionen – auch denen der Bibel. Immer wieder wurde im Alten Testament der Bund Gottes beschworen. Immer wieder zu Jahwe gebetet, dessen Name gedeutet wurde als „derjenige, der mit uns geht und sich in unserem Leben als Beistand erweisen wird“ (2. Mose 3,14).

An Weihnachten haben wir gehört: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht.“ (Jesaja 9,2) Und Johannes nimmt es mit Bezug auf Jesus auf: „Und das Licht scheint in der Finsternis.“ (Joh. 1,5) Jesus zeigt uns immer wieder die helle Seite Gottes. Und sein Leben ist selbst ein Weg von der Dunkelheit ins Licht. Für den, der glaubt.

7 Gedanken zu “Den lieben Gott gibt es nicht

  1. Daniel Birkner schreibt:

    Ich denke auch, es ist unangemessen, Gott das Prädikat „lieb“ zu geben. Zu allererst „ist“ Gott. Es gibt ihn. Und er hat eine Welt geschaffen, die uns alles nur erleben lässt, weil es auch immer das Gegenteil gibt. Hell erkennen wir nur, weil es dunkel gibt, warm nur im Gegensatz zu kalt. Gesund gibt es nur im Gegensatz zu krank. Das ist die Struktur dieser Welt. Und Gott, der ursprünglich das absolute Sein war und ist, hat die Welt erschaffen, um sich selbst zu erfahren. Insofern ist es richtig: er ist in allem und überall und zu jeder Zeit. Aber er teilt niemandem etwas zu: er belohnt oder bestraft nicht. Er verteilt nicht nach irgendeinem geheimen, verwegenenen oder gemeinen Plan z.B. Krebserkrankungen. Von daher ist es auf der einen Seite richtig, dass du deine Leser hier aufklärst: Es gibt in diesem Sinn nicht den „lieben Gott“ – ein solches Bild kann leicht zu Enttäuschungen führen, zum Zweifel an Gott, wenn’s richtig mies läuft. Dass es Krankheiten gibt, ist so, weil es so in der Struktur dieser Welt so ist oder auch weil wir einen vergänglichen Körper haben. Warum der eine schwer krank wird und der andere nicht (krank werden wir alle) ist eine andere Anfrage. Wichtig, denke ich, ist, Gott dafür nicht die Verantwortung zu geben, wenn man krank wird, denn dann kann er einem entgleiten, wenn man ihn am meisten braucht. Und man braucht ihn für die Hoffnung und genauso als Ansprechpartner für Wut und Enttäuschung, Ärger und Schmerz.

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    • gebrocheneslicht schreibt:

      Lieber Daniel, wir gehen, gedanklich, einen ganz langen Weg zusammen. Am Ende aber teilen sich unsere Gedanken, Erfahrungen, Gefühle: Ich mache Gott durchaus für die Krankheit verantwortlich. Ansonsten entgleitet er mir nämlich erst recht. Er (sie, es?) gibt nicht nur Gutes, sondern auch Übles. Bei ihm bin ich mir nicht mehr sicher. Aber da gibt es ja auch noch Jesus. Und wie das mit der Trinität zusammenhängt, habe ich noch nicht wirklich ausgelotet. Herzlichst, Erik

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  2. Ralf Liedtke schreibt:

    Den lieben Gott gibt es nicht, wohl aber den liebenden Gott

    Als ich vor einigen Jahren nach langer Abstinenz wieder in die Kirche eingetreten bin, begann meine Suche nach einer, besser meiner, Vorstellung von Gott. Diese ist weiter im Fluss. Gleichwohl habe ich heute ein Bild vor Augen. Mir ist dieses eine Hilfe und gibt mir Halt, selbst wenn das theologische Fundament fehlt oder dem sogar widersprechen sollte.

    Gott hat Raum und Zeit geschaffen: ein unfassbar gewaltiges und komplexes System – vom Universum hin zu Galaxien, Sonnensystemen bis schließlich zu dem Planeten Erde mit all dem, was darauf wächst, seine Zeit hat und schließlich auch ein Ende findet. Schwarze Löcher verschlingen ganze Galaxien, aus lebensspendenden Sonnen werden irgendwann zerstörende und verglühende Supernovae.Und irgendwo inmitten dieser großartigen Schöpfung findet sich der Mensch – ein kleiner Teil des Ganzen. Wenn Gott allmächtig ist, hat das Wort hier für mich seinen primären Bezug. Er schuf den Himmel und die Erde. Er kreierte ein hochgradig komplexes, in sich widersprüchliches System mit vielen Polaritäten. Hier zeigt sich für mich seine Allmacht – das ist mein erstes Bild.

    Ich unterstelle ihm zweitens, dass er Gutes tun wollte. Etwas zu schaffen gedachte, was in sich eine natürliche Balance gerade wegen der Gegensätze erhält. Was aber auch bedeutet, dass diese nicht zu allen Zeiten gegeben ist, sondern das System oder Teile von ihm auch aus dem Gleichgewicht geraten können.

    Ich glaube drittens, dass diese Schöpfung für ihn kein Spielzeug darstellt, dass man irgendwann, wenn es langweilt oder zu blöd wird, in die Ecke stellt, wegwirft und man sich nicht mehr darum kümmert. Ich verharre bei dem Gedanken an die gute Absicht, etwas nachhaltig Sinnvolles und Gutes zu schaffen. Damit bei ich bei dem Terminus „liebender Gott“, der für mich mein Bild von Gott ist.

    Insofern bin ich gedanklich bei Daniel, der ausführt, dass Gott weder belohnt noch bestraft noch nach geheimen oder offensichtlichen Plänen verfährt. Ja, Gott ist verantwortlich für das Ganze, was er geschaffen hat, damit auch für die widersprüchliche Komplexität, die mitunter schwer bis nicht nachzuvollziehen ist. Aber braucht es nicht gerade diese Polaritäten und diese Widersprüche, um die Balance und damit das ganze System zu erhalten? Was wäre dann aber gut oder böse und wie wollen wir dieses messen, definieren und zuordnen? Was ist mit persönlichen Schicksalsschlägen, Kriegen oder Naturgewalten?

    Ich denke auch an die unterschiedliche Persönlichkeit von Menschen, jeweilige individuelle Fähigkeiten, Stärken und Schwächen. Jede übertriebene Stärke kann zur Schwäche werden und umgekehrt.

    Aus der Systemtheorie wissen wir, dass man, wenn man an einem kleinen Stellhebel dreht, das gesamte System aus dem Gleichgewicht bringen kann. Kleinste auch unabsichtliche Veränderungen können bizarre und gewaltige Folgen haben. Und hier kommt auch der Zufall, das Schicksal ins Spiel. Ich glaube nicht, dass Gott z.B. an dem Tod der Insassen des Germanwings-Flugzeuges Schuld trägt, als der Pilot durchgeknallt bei seinem Selbstmord viele andere Menschen mit in den Tod riss. Für die Betroffenen war das tragisch, man kann sie nicht trösten und natürlich haben sie auch heute mein Mitgefühl. Die Schulklasse hatte das Unglück, zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort gewesen zu sein.

    All das führt mich viertens zu der Annahme, dass Gott mitunter selbst ratlos oder ohnmächtig – das heißt ohne Macht! – vor Kräften und Wirkungen des Systems steht, die möglichweise einen tieferen Sinn verfolgen. Aber gebietet nicht gerade das hochgradig Komplexe und Vernetzte eine Vorsicht auch dort, wo er handeln könnte?

    Alles ist zeitlich vergänglich, manche sterben schon während der Geburt, andere in jungen Jahren und wieder andere werden wie meine Mutter 93 Jahre alt, ehe sie Abschied nehmen (müssen). Ich glaube fünftens nicht, dass Gott dieses definitiv bestimmt. Und trotzdem sind wir in Gott aufgehoben, wenn war an das ewige Leben glauben, an das, was hinter dem Tod steht. Relativiert dieses nicht den Wimpernschlag unseres irdischen Daseins – bei allen verständlichen Fragen, Zweifeln und inneren Nöten?

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    • gebrocheneslicht schreibt:

      Lieber Ralf,
      auch mein Gottesbild ist im Fluss, immer noch. Heute würde ich etwa sagen: Gott hat Zeit und Raum geschaffen – und ist gleichzeitig selbst Zeit und Raum. Gott hat das Leben geschaffen – und ist selbst das Leben. Ich stehe dem Leben gegenüber (wenn ich z.B. sage: „Das Leben bürdet mir etwas auf“), und das Leben ist in mir. So ist es auch mit Gott.
      Entscheidender als meine Vorstellung von Gott ist, wie ich mich ihm gegenüber verhalte. Wenn fromme Menschen sagen: Den lieben Gott gibt es nicht, dann meinen sie: Ja, Gott kann unverständlich grausam sein. Aber man darf ihn nicht kritisieren. Er handelt eben anders als wir erwarten. Das darf er. Er ist Gott. Man muss sich ihm unterwerfen.
      Das finde ich nicht. Natürlich habe ich keine Chance gegen das Leben oder gegen den Tod. Aber man kann einen geraden Rücken dabei behalten. Nicht Hiob (Kapitel 42, Vers 6), der sich vor Gott in den Staub wirft, ist mein Vorbild. Sondern Abraham, der mit ihm verhandelt (1. Mose 18). Oder Jakob, der mit ihm kämpft (1. Mose 32, ab Vers 23).

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  3. Christian Tiedt schreibt:

    Lieber Erik,
    Gestern (Karfreitag) war ich im Gottesdienst bei Daniel (Birkner). Er sprach in seiner Predigt auch über die „Karfreitage in unserem Leben“. Das hat mich berührt; erinnerte er mich damit doch an meine eigenen „Karfreitage“, also Tage oder Lebensphasen der Klage und Trauer. Und ich fühlte mich dabei an dieses sprachgewaltig geschriebene Buch „ Gott braucht dich nicht“ von Esther Maria Magnis erinnert, das ich in der Osterzeit vor zwei Jahren gelesen hatte, vielleicht kennst Du es bereits. Es geht um Gott und Leid und Schmerz und Liebe und all diese Dinge und passt damit – wie ich finde – gut zu Deinem Blog „Gebrochenes Licht“. Magnis wächst in einer ökumenischen Familie, aber katholisch geprägt auf. Über den Glauben ihrer Kindheit schreibt sie „Ich mochte Gott. In der Kirche war er mir oft langweilig, aber ich fand ihn grundsätzlich sehr interessant. Er schien etwas Wahnsinniges zu haben und etwas sehr Zartes. Er hatte offenbar den wilden Johannes in der Wüste gerne, der wie ein Sittenstrolch halbnackt mit einem Kamelfell rumrannte und rumbrüllte und Heuschrecken kaute. Und er schien den ekelhaft verrückt besessenen zu mögen, der vollkommen wahnsinnig war.“ Manchmal hatte ich dann wieder das Gefühl, dass er eine Brille trug, einen Dutt und zusätzlich einen langen Bart und leer vor sich hin glotzte […] ich fand ihn dann einfach nur spießig und blöd“. Im Alter von fünf oder sechs Jahren machte Magnis dann in Spanien am Strand die Erfahrung von Gottes ANWESENHEIT, die ihr fortan als Kind als eine Selbstverständlichkeit erschienen war: „Ach, du bist Gott? Das ist Gott? Und weil ich ihn so lieb fand in seiner Zuneigung, hob ich meine Hand vom warmen Stein und winkte ihm ein bisschen zu.“ Während sie als Kind noch ganz intuitiv den Zugang zu Gott erfahren hatte (Matthaeus 18:3), verliert sie diesen in der Pubertät weitgehend wieder: „Es war in diesem Alter, so mit dreizehn, vierzehn, als ich irgendwie begann, mich leise von Gott zu trennen. Eine Trennung ohne Winken, ohne tschüß zu sagen. Als stünden wir am Flughafen auf einem dieser Transportbänder. Wir schauten uns an und werden in entgegengesetzte Richtungen fortgetragen.“ Später, mit 17 Jahren, wendet sie sich dem Glauben und der Kirche wieder zu reibt sich, arbeitet sich ab und verliert ihre Beziehung zu Gott über den erlebten Schmerz, die Wut und die Trauer über den zu frühen Tod von Vater und Bruder fast, um schließlich und trotz alledem Gott wieder in den Mittelpunkt ihres Lebens zu stellen. Was Magnis schreibt, hat mich tief berührt, es wirkt auf mich authentisch und ehrlich und mutet mir als Leser auch einiges zu. Sie schreibt: „Gott ist schrecklich. So schön er auch ist – so unendlich tief seine Liebe und Zuneigung zu den Menschen sein mag. Ich erschrecke vor Gott. Und die Schrecken aus der Zeit damals lassen mich in meinen Gebeten immer noch humpeln […]. Gott hat sich in dieser Welt am Kreuz hinrichten lassen. Das gehört zu den dreckigsten Todesarten, die es gibt. Und Gott hat zugelassen, dass mein Bruder sich zu Tode erschrak. Und Gott hat gesagt, dass jeder sein Kreuz in dieser Welt auf sich nehmen und ihm nachfolgen soll. Es war nie die Rede davon, dass es hier witzig wird. Es war nie die Rede davon, dass uns allen die Sonne aus dem Arsch scheint. Unser Glaube, der Glaube der Christen, hat einen Schrecken. Unser Glaube macht „BUH“! Unser Glaube hat in sich das Wissen um den ganzen Dreck der Welt. Und erst dann kommt die Frohe Botschaft“.

    Lieber Erik, ich denke an Dich und bete für Dich und wünsche Dir und Deiner Familie in diesen wechselvollen Zeiten ein frohes Osterfest!

    Christian

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    • gebrocheneslicht schreibt:

      Ich hatte Auszüge aus dem Buch von Esther Maria Magis und Rezensionen gelesen. Und sie hat recht. Denn wenn Gott der einzige Schöpfer dieser Welt ist, und genau das bekennen wir doch sonntäglich, dann ist er verantwortlich für alles, auch den ganzen Dreck. Ich würde allerdings nicht sagen, dass die Frohe Botschaft erst danach kommt. Sie muss schon währenddessen da sein. Während die Krankheit wütet, stehen Menschen zur Seite, scheint die Sonne und Trost ist da.

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